Kritik zu A Single Man

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Der Modemacher Tom Ford legt mit seiner ausgesucht melancholischen Christopher-Isherwood-Verfilmung ein fast perfektes Regiedebüt vor, in dem Colin Firth sich endlich einmal als großer Schauspieler zeigen kann

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Die Gefahr sei natürlich, dass die Perfektion selbst zum Fehler werden könnte, heißt es an einer Stelle in Christopher Isherwoods Kurzroman »A Single Man«. Tatsächlich ist das Verdikt, etwas sei »zu perfekt«, eine nur schwer zu widerlegende Kritik, weil sie ja gerade impliziert, dass eine Verbesserung ausgeschlossen ist. Wie soll man ihn einbauen, den »perfekt« gesetzten Schönheitsfehler, der die Perfektion zwar zerstört, aber dafür auch öffnet und so eigentlich erst erträglich macht?

Tom Ford hat einen Weg gefunden: In »A Single Man« ist es die Stimme von Colin Firth, besser gesagt die, die er seiner Figur George verleiht, die sich einprägt, deren Melodie im Kopf bleibt und nachklingt, noch Tage, Wochen später, was unbedingt damit zu tun hat, dass sie im Film den Kontrapunkt bildet zur bestechenden Schönheit der Bilder, den nahezu perfekt inszenierten 60er-Jahre-Kulissen samt dazugehörigen Stoffen, Automarken, Haarfrisuren und Brillenmodellen. Diese Stimme nämlich ist rau, fast ungefällig, ihr eignet etwas Tonloses, Gefasstes; man hört, dass da jemand Haltung bewahrt, der allen Grund hätte, sie zu verlieren. »Bring diesen verdammten Tag hinter dich«, flüstert George sich selbst zu. Man hört den unterliegenden Schmerz heraus – und jenen selbstverächtlichen Humor, den man gern als typisch britisch bezeichnet: zur Pointe hin wird der Ton leiser, ganz so, als wolle man sich mit der eigenen Lächerlichkeit niemanden anderen aufdrängen. Distanz zu wahren, ist essenziell.

Von der Welt, in der er sich bewegt, trennen ihn gleich mehrere Schichten: Die Trauer um seinen Geliebten und langjährigen Lebensgefährten Jim (Matthew Goode), der bei einem Autounfall ums Leben kam, seine Homosexualität und sein »Ex-Pat«-Status als Brite in Südkalifornien. George ist ein innerlich Entfremdeter, der zu jenem gut angepassten, unauffällig lebenden Literaturprofessor, den er nach außen hin darstellt, nur eine sehr bedingte Beziehung unterhält. Und es hat eine eigene Ironie, dass sich der Schauspieler Colin Firth in der Haut dieses George wohlzufühlen scheint. Selten hat man Firth so mühelos, so leichthändig spielen sehen; die Darstellung dieses äußerlich fast ausdruckslosen, innerlich aber vor Trauer und Schmerz vibrierenden Fremden nimmt er auf sich, als wäre es keine Arbeit, sondern die reine Wunscherfüllung. (Dass der Oscar an ihm vorüber ging, wundert deshalb nicht, werden von der Academy doch stets die »Schweißrollen« bevorzugt.)

Der Film zeigt, eng an der Vorlage, einen Tag im Leben von George. Anders als in der Vorlage aber legt er sich hier am Morgen einen Revolver zurecht – was alles Folgende im Film wie eine Art Prüfung erscheinen lässt: Wird es irgendetwas geben, irgendeinen Moment, eine Begegnung, ein Erlebnis, das ihn von seinem Entschluss abbringt?

Durch eigenwillige Farbgebung hebt Ford George als einen Mann hervor, den die Trauer keineswegs dumpf hat werden lassen, sondern im Gegenteil, den der Schmerz eher überempfindlich macht für Außenreize. Während die Erinnerungssequenzen an das Zusammenleben mit Jim in sinnlichem Schwarz-Weiß gehalten sind, schlagen die desaturierten Farbtöne der Gegenwartsaufnahmen von Zeit zu Zeit in grelles Technicolor um.

Bei seiner alten Freundin und Landsmännin Charley (Julianne Moore) ist George zum Essen eingeladen. Was als Abend unter Freunden beginnt, bildet den bedrückend-traurigsten Teil des Films, weil sich zeigt, dass die Einsamkeit zu jenen Dingen gehört, die sich nicht halbieren, wenn man sie mit anderen teilt, sondern verdoppeln können. Und dass auch langjährige Freundschaft nicht unbedingt heißt, dass man sich versteht.

Den Gegenentwurf dazu bildet die Begegnung mit dem Studenten Kenny (Nicholas Hoult), dem George gleich mehrfach über den Weg läuft, und dessen Interessen irritierend unklar scheinen: Will er selbst etwas von George oder spürt er dessen Lebensüberdruss und möchte ihn mit jugendlichem Beschützerinstinkt vor etwas bewahren? Ein mögliches Verständnis zwischen ihnen scheint nahe – und erfüllt sich doch nie wirklich.

Sein Film sei »zu perfekt«, lautete der fast schon vorhersehbare Vorwurf, der Tom Ford wiederholt für sein Regiedebüt gemacht wurde. Tatsächlich haftet dem unbedingten Stilwillen, von dem hier auch noch der letzte Winkel vor der Kamera erfasst scheint, auch etwas Bedrückendes an. Doch das ist nichts, was Tom Ford so einfach unterlaufen wäre, vielmehr kommt darin etwas zum Ausdruck, was diesem Film erst seine Dimension verleiht: Ganz ähnlich wie in der vielgepriesenen TV-Serie »Mad Men« – von der Ford übrigens Szenenbildner Dan Bishop und Ausstatterin Amy Wells übernahm – bildet sich in Mode, Stil- und Farbempfinden der frühen 60er Jahre die strengen Konventionen der Gesellschaft ab. Für George wird der Aufbruch durch die Jugendbewegung zu spät kommen, ihm bleibt nur die Flucht ins Innere einer äußerlichen Perfektion – und die Gabe zur Ironie, dabei neben sich zu stehen.

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