Kritik zu Sibylle

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Anne Ratte-Polle brilliert in Michael Krummenachers Abschlussfilm an der HFF München als Familienmutter, deren Realität zum Alptraum wird

Bewertung: 3
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3 (Stimmen: 2)

Der Film beginnt mit einer Irritation: Eine Actionszene wie aus einem krawalligen C-Movie spult sich da ab, mit Schießerei und heftigem Gekloppe. Es ist allerdings nur eine Stuntshow, die Sibylle, ihr Mann Jan und die beiden Söhne David und Luca im Italienurlaub besuchen – oder doch schon ein Bild für die Seelenlage Sibylles? Die junge Frau wirkt jedenfalls seltsam angespannt, früh morgens schon verlässt sie das Familienapartment im Feriendorf und spaziert an den Klippen entlang, als ihr eine Frau entgegenkommt, die wie ihr Spiegelbild aussieht – und sich in die Tiefe stürzt. »Sie verwandeln sich. Alles verwandelt sich«, flüstert die Schwerverletzte.

Das Erlebnis lässt Sibylle auch zu Hause in München nicht mehr los. Merkwürdige Parallelen scheinen sich zwischen ihr und der inzwischen Verstorbenen aufzutun, und während sich in ihrem Alltag die Verstörung ausbreitet, webt der Film ein dichtes Netz an Zeichen. Es ist die Entstehung einer Psychose, die Michael Krummenacher in diesem Thrillerdrama aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt, zugleich aber bleiben die Konflikte in Sibylles Leben greifbar und real: die kriselnde Beziehung zu Jan, zu dem im gemeinsamen Architektenbüro eine uneingestandene Konkurrenz besteht, die wachsende Fremdheit zum pubertierenden David, der sich für Bodybuilding begeistert und heimlich Gewaltpornos schaut. Sibylles Verunsicherung reicht aber noch tiefer, wie der Film subtil andeutet. Es geht auch um Rollenbilder von Mann und Frau, um das Gefangensein in einer vielleicht nie gewünschten bürgerlichen Existenz.

Michael Krummenacher und sein Kameramann Jakob Wiessner finden exzellente Bilder für das Einbrechen des Wahns. In kräftigen Farben – oft sind es Primärfarben, was an manche Giallo-Klassiker erinnert – breitet sich eine hyperreal wirkende Künstlichkeit in Sibylles Welt aus, und Anne Ratte-Polle legt die Titelrolle ergreifend komplex an, in einem Schwanken zwischen Weichheit, extremer Verletzlichkeit und unerwarteter Aggression.

Meistens geht der Film auch sehr geschickt mit seinen unverkennbaren Genrevorbildern wie Polanskis »Der Mieter«, Kubricks »Shining« oder auch dem »Körperfresser«-Motiv um, erzeugt mit klug gesetzten Irritationen und einem beunruhigenden Sounddesign eine Atmosphäre, in der Alltäglichkeiten wie das wütende »Stirb doch endlich!« des Sohnes beim Computerspiel eine paranoide Doppelbödigkeit entwickeln. Was Wirklichkeit und was Fantasie ist, wird dabei auch für den Betrachter immer schwerer zu unterscheiden. Einzelne Szenen schießen allerdings über das Ziel hinaus, überziehen das Ominöse oder wirken als Versatzstück aus dem Horrorfundus isoliert, wenn etwa ein allzu geheimnisvoller Hotelportier Sibylle mit dunklen Andeutungen quält. Doch trotz dieser Ausrutscher und einer nicht in jeder Phase tragfähigen Dramaturgie ist »Sibylle« eine packende, ästhetisch beeindruckende Studie zu Identität und Wahrnehmung. Auch sein ambivalentes Ende belegt, wie viel Potenzial in solchen Genreerzählungen steckt, wenn sie denn wissen, was und wie sie es erzählen wollen. Auf Michael Krummenachers weiteres Schaffen darf man jedenfalls sehr gespannt sein.

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