Kritik zu Revanche

© Movienet Film

Das Beste aus Krimi und Heimatfilm: In seinem neuen Film kreuzt Götz Spielmann die gegensätzlichen Welten von Rotlichtmilieu und beschaulichem Umland Wiens auf überraschende Weise

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Holzhacken gehört zu jenen Tätigkeiten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts grundlegend ihre Bedeutung verändert haben. Aus dem Inbegriff der körperlichen Anstrengung für die bloße Notwendigkeit ist eine meditative Tätigkeit geworden, bei der die körperliche Verausgabung dem Finden von innerer Ruhe und Seelenfrieden dient. Götz Spielmann lässt in seinem neuen Film seinen Helden Alex einen ganzen Schuppen voller Holz hacken: Zu Beginn ist es eine Knochenarbeit, die er widerwillig, aber aus Pflichtbewusstsein übernimmt. Dann, durch einen Todesfall in seelischen Aufruhr geraten, steigert er sich geradezu manisch hinein. Und irgendwie ermöglicht ihm das Holzhacken dann, sich selbst neu zu definieren.

Damit ist im Grunde schon das Kunststück beschrieben, das der österreichische Regisseur Götz Spielmann in »Revanche« vollbringt: Er erzählt die bekannte Geschichte vom Mann, der sich dafür rächen will, dass man ihm sein Liebstes genommen hat, mit so viel Bodenhaftung, so konkret aus bestimmten Tätigkeiten, einer bestimmten Umgebung und Zeit heraus, dass sie aktuell und geradezu geheimnisvoll erscheint – und ihr Ausgang überrascht.

Der Film stellt seine Figuren zunächst über die Orte, an denen sie sich bewegen, vor: Da gibt es ein neu gebautes Haus unweit eines Sees, irgendwo in einer ländlichen Gegend. Ein Paar wohnt darin; sie arbeitet im Supermarkt, er ist Polizist. Sie haben keine Kinder. In ihrer Nachbarschaft harrt ein alter Mann in seiner Bauernkate aus, dem es zunehmend schwerer fällt, alleine zurechtzukommen. Sonntags holt die Supermarktverkäuferin deshalb den Alten zum Kirchgang ab. Irgendwann trifft sie dort Alex, den Enkel des Alten, beim Holzhacken.

Alex, längst kein junger Mann mehr, wohnt in der Stadt. Die hat aus ihm, wie sein Großvater sagt, »einen Lump« gemacht. In seiner ersten Szene sieht man ihn in einer engen, karg eingerichteten Wiener Wohnung zärtlich seine Freundin Tamara, eine Ukrainerin, begrüßen. Später telefoniert sie mit ihren Angehörigen, und er sagt: »Ich möcht' deine Leut' gern mal kennenlernen.« Angesichts dieser Verliebtheit mag man kaum glauben, dass die beiden eigentlich Klischeefiguren der Rotlichterzählung sind: die Nutte und die rechte Hand des Chefs. Ihr Verhältnis müssen sie natürlich vorm Bordellboss verheimlichen.

Der Film lässt sich einige Zeit, bis er die Verbindung herstellt zwischen den Szenen aus dem Großstadtleben Wiens und denen aus dem Leben auf dem Land. Dann kommt es fast wie ein Schock: Alex' Besuche bei seinem Großvater entpuppen sich als Erkundungsfahrten für einen Banküberfall. Der Bankraub geht schief und danach verändert sich alles. Im Grunde beginnt ein neuer Film, nur dass die Figuren im Wesentlichen dieselben bleiben. Alex gelingt die Flucht zum Hof des Großvaters, wo er sich nun aufs Holzhacken verlegt, als gäbe es kein Morgen. Holzhackend betäubt er die eigenen Schuldgefühle, nährt seine Rachsucht und beobachtet seine Nachbarn. Die wiederum beobachten ihn.

Während die Dinge sich auf diese Weise einerseits zuspitzen, kommen sie andererseits ins Lot. Interessanterweise konzentriert sich der Film weniger auf das »Wesentliche« der Handlung, auf Alex' Rachsucht, als vielmehr auf das, was sich nebenbei tut. Zwischen Alex und der Nachbarin, oder auch zwischen Alex und seinem Großvater. Der Alte weiß zwar nichts vom Überfall, aber er macht sich auch keine Illusionen über seinen Enkel. Abends sitzen sie schweigsam zusammen in der kahlen Stube und halten Brotzeit. Zu Anfang herrscht verhaltener Ärger zwischen ihnen. Der Großvater nimmt dem Enkel übel, dass er bei der Beerdigung der Großmutter nicht da war; Alex ist erst gar nicht nach Sprechen zumute. Doch einige Kubikmeter gehacktes Holz später wirkt ihr schweigsames Vesper zunehmend entspannter. Viel zu sagen haben sie sich immer noch nicht, aber der Respekt voreinander ist beträchtlich gewachsen. »Eines muss man dir lassen, schaffen kannst«, lobt der Alte seinen Enkel. Es ist eine ausgesprochen unsentimentale Art der Annäherung, die zwischen diesen beiden passiert – wie überhaupt sich der ganze Film durch seine entschiedene Unsentimentalität auszeichnet.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns