Kritik zu Respect

© Universal Pictures

Liesl Tommy hat der afroamerikanischen Soul-Sängerin Aretha Franklin ein Denkmal gesetzt, mit einer beeindruckenden Jennifer Hudson in der Hauptrolle

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Detroit 1952. Clarence Franklin (Forest Whitaker) setzt sich ans Bett seiner kleinen Tochter Ree und weckt sie auf. »Sie wollen dich singen hören. Willst du singen?« Sie nickt schlaftrunken. Er bringt sie die Treppe hinunter zur Partygesellschaft, die der beliebte Baptistenprediger in sein Haus geladen hat, staunend geht die Kleine durch den Raum, grüßt höflich ein paar bekannte Größen wie Sam Cooke und Duke Ellington wie Verwandte, bevor ihr Vater ganz offiziell den Auftritt seines kleinen Stars ansagt. Und vom ersten Ton ist Ree in ihrem Element, mit ihrer Stimme und Energie reißt sie alle mit und genießt dabei die Aufmerksamkeit. Beim tosenden Applaus sucht sie schnell den Blickkontakt zu Daddy, ob auch er zufrieden mit ihr ist. Er lächelt nur und schickt sie wieder ins Bett.

Zwischen diesen beiden Polen, Pflichterfüllung und Performance-Freude, wird Ree noch lange schwanken, auch als sie bereits als Aretha Franklin zur weltweit gefeierten Queen of Soul geworden ist. Aber schon an diesem Abend ist klar, dass die Zehnjährige zum Singen berufen ist. Was sie allerdings erst spät finden wird, ist ihre eigene Stimme. Und das hat viel mit ihrer Kindheit zu tun, auch davon handelt die Filmbiografie »Respect« über die prägendste Soulsängerin des 20. Jahrhunderts und zugleich über die Identitätssuche einer Frau, die ein halbes Leben brauchte, um sich vom Einfluss übergriffiger Männer zu befreien. Das Drehbuch von Tracey Scott Wilson folgt den Konventionen des Genres von Aufstieg, Zusammenbruch und Wiedergeburt. Ziemlich geradlinig erzählt es, wie aus der Predigertochter Ree die Queen of Soul wurde – die Spanne der Stationen reicht  vom frühen Tod der Mutter und der unfreiwilligen ersten Schwangerschaft mit 12 über die Gospelmessen des Vaters, bei denen Ree für Detroits größte Baptistengemeinde singt, bis hin zum ersten Plattenvertrag mit 18 bei Columbia Records, eingefädelt von Daddy. Mit Musikproduzent John Hammond (Tate Donovan), der eine neue Ella Fitzgerald aus ihr machen will, nimmt sie mehrere mäßig erfolgreiche Alben auf, ein Hit ist nicht in Sicht. So schmeichelnd ihre Stimme klingt, die Swing-Stücke passen nicht zu ihr. »Ich weiß nicht, was ich will«, sagt sie, wenn sie ausnahmsweise mal selbst gefragt wird und nicht nur mit ihrem Ehemann und Manager Ted White (Marlon Wayans) über sie geredet wird, während sie schweigend lächelnd danebensitzt. Erst als sie zu Atlantic Records und deren Mastermind Jerry Wexler (brillant-knurrig wie immer: Marc Maron aus »Glow«) wechselt, beginnt sie langsam, auf ihren eigenen Geschmack zu vertrauen. Doch die Traumata der Kindheit bleiben unbewältigt, immer wieder gerät sie in toxische Beziehungen mit Männern, ertränkt ihren Schmerz im Alkohol, hat Abstürze. Zugleich kämpft sie jahrzehntelang für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. Vor allem für Martin Luther King Jr. (Gilbert Glenn Brown), der wie so viele Größen der afroamerikanischen Kultur ein guter Freund der Familie war, tritt sie immer wieder auf. Auch diese Stationen hakt der Film brav ab.

Was ihn dennoch außergewöhnlich macht, ist die Besetzung. Jennifer Hudson, die vor 15 Jahren für ihre Rolle in »Dreamgirls« den Oscar gewann, war von Anfang an die von Aretha Franklin persönlich ­Erkorene. Sie spielt und singt mit einer Intensität und Leidenschaft, die sich gegen jedes Klischee behauptet, und Regisseurin Liesl Tommy, die bislang vor allem Bühnenmusicals inszenierte und hier ihr Spielfilmdebüt gibt, weiß sich dieses Ausnahmetalent zunutze zu machen. Der Film ist immer dann am stärksten, wenn er Songs wie »Natural Woman« oder »Respect« beim Entstehen beobachtet – die erste Zeile, der erste Ton, ein Improvisieren und Herantasten, das eben nicht bloß von einer Darstellerin imitiert wird, sondern von Jennifer Hudson und den Musikern mitreißend performt wird. In diesen Momenten im Tonstudio hat der Film wirklich Soul. Sein Ende findet er schließlich mit der Liveaufnahme des Gospelalbums »Amazing Grace« 1972, das nicht nur Aretha Franklins Erlösung vom Alkohol und ihren Dämonen wurde, sondern auch ihr größter Triumph, trotz aller Widerstände. 

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