Kritik zu Rental Family
Oscarpreisträger Brendan Fraser spielt einen glücklosen Schauspieler, der sich in Japan Geld verdient, indem er als »Leihfamilie« in die Rolle von nahen Verwandten schlüpft
Das Geschäft mit Leihmüttern boomt seit längerem. Aber Leihfamilien? Das Engagieren von professionellen Schauspielern, die in die Rolle naher Verwandter schlüpfen, ist noch nicht so bekannt. In seinem Regiedebüt »Pfau – Bin ich echt?« thematisierte Bernhard Wenger dieses Phänomen, das allerdings mehr verbreitet ist in Fernost, vorwiegend in Japan, wo man seit den 1980er Jahren Eltern, Kinder oder Lebenspartner stundenweise buchen kann.
Nach Werner Herzogs Dokudrama »Family Romance, LLC« (2019), benannt nach der gleichnamigen Agentur aus Tokio, greift nun die Disney-Produktion Rental Family das Phänomen auf. Oscarpreisträger Brendan Fraser (»The Whale«) spielt den glücklosen US-amerikanischen Schauspieler Philipp Vandarpleog, der nach Japan auswanderte, wo er sich nach einem kultverdächtigen Auftritt in einer Zahnpastawerbung nur mühsam über Wasser halten kann.
Mangels besserer Alternativen greift Philipp, der neben grazilen Japanern wie ein bulliger Teddy anmutet, nach dem letzten Strohhalm. Widerwillig heuert er in einer Agentur an, die sich an dem realen Vorbild »Ossan Rental« (etwa »gemieteter Onkel«) orientiert. Im Kundenauftrag muss Philipp in einem zeitlich begrenzten Rahmen fehlende Familienmitglieder faken. In welch skurrile Situationen er dabei geraten kann, zeigt Regisseurin Hikari, aka Mitsuyo Miyazaki, direkt zu Anfang. Warum nur wählt eine junge Japanerin ausgerechnet den gut zwanzig Jahre älteren Philipp als Bräutigam aus? Und zwar für eine simulierte Hochzeitsfeier, die bis ins kleinste Detail perfekt durchorganisiert ist? Die Pointe: Das Event ist eine potemkinsche Kulisse zwecks Vortäuschung einer gesellschaftsaffinen Normalität. Ihre Flitterwochen verbringt die Braut dann mit ihrer wahren Liebe, einer Frau. Homosexualität wird in Japan zwar eher toleriert als in anderen asiatischen Ländern, allerdings nur wenn sie nicht zu offen sichtbar wird oder bestehende Familien- und Geschlechternormen infrage stellt.
Der Blick auf dieses Paar ist allerdings nur eine Randnotiz und »Rental Family« nur bedingt ein Film, der gesellschaftliche Problemfelder in den Fokus nimmt. Die Geschichte konzentriert sich vor allem auf zwei Aufträge, bei denen der Mietschauspieler jeweils in einen Konflikt zwischen dem gebuchten Rollenklischee und seinen authentischen Gefühlen für die Kunden gerät. Als typische Disney-Produktion vermittelt »Rental Family« dabei eine emotionale Botschaft, die aus klar definierten familiären Verwicklungen herrührt. Aus der Perspektive eines US-Amerikaners wird Japan dabei mit visuellem Zuckerguss überstreut. Hikaris elegant und leichtfüßig inszenierte Kinoreise in den Fernen Osten macht aber ebenso die Eigenheiten und Mysterien der japanischen Kultur spürbar.
So schlüpft Philipp im Auftrag einer alleinerziehenden Mutter in die Rolle des Vaters eines amerikanisch-japanischen Mädchens. An einer leistungsorientierten Eliteschule wird die 11-Jährige nämlich nur mit beiden Elternteilen aufgenommen. Da das Kind ihm ans Herz wächst, kommt es zu Auseinandersetzungen in Erziehungsfragen. In der Rolle eines Journalisten, der einen zusehends dementer werdenden Schauspieler interviewen soll, entwickelt sich schließlich ein existenzieller Konflikt. Um dem Alten, der noch einmal sein Heimatdorf sehen will, diesen letzten Willen zu erfüllen, muss Philipp ihn entführen. Er bricht dafür japanisches Gesetz, woraufhin ihm die Abschiebung droht.
Missverständnisse, die Philipp provoziert, rühren daher, dass er nie wirklich angekommen ist in Japan. Feinheiten der kulturellen Codes bleiben ihm verborgen. Dass er glaubt, aus seiner westlichen Perspektive authentischer zu sein als die Japaner, die er aus deren psychologischem Korsett befreien will, ist eine Anmaßung, die der Film hinterfragt; ohne erhobenen Zeigefinger. So gelingt Rental Family das Kunststück, die Authentizität des Simulierten spürbar zu machen. Der Film schafft den Spagat zwischen einem Hochglanz-Feelgood-Movie und einem Blick hinter die Kulissen des von Roland Barthes sogenannten »Reichs der Zeichen«, deren Bedeutungen sich nicht alle erschließen.





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