Kritik zu Red Road

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2006
Original-Titel: 
Red Road
Filmstart in Deutschland: 
17.07.2008
L: 
114 Min
FSK: 
16

Überwachungskameras gehören längst zum Stadtbild westlicher Metropolen. Andrea Arnold gewinnt mit ihrem Regiedebüt dieser beunruhigenden Prämisse eine interessante Wendung ab

Bewertung: 4
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In »Red Road« fungiert ein Kontrollraum voller Überwachungsmonitore als Simulation eines richtigen Lebens. Tagtäglich verschanzt sich Jackie (Kate Dickie) hinter diesen Bildschirmen; die Kommunikation mit ihren Überwachungsobjekten verläuft einseitig. Neugierig beobachtet die junge Frau im Auftrag der Sicherheitsfirma City Eye die Anwohner ihrer heruntergekommenen Nachbarschaft im Norden Glasgows; gelegentlich huscht dabei ein Lächeln über ihr trauriges, erschöpft wirkendes Gesicht. Später sieht man sie sich einmal einem ihrer Überwachungsobjekte auf Armeslänge nähern, doch zur persönlichen Kontaktaufnahme reicht die Kraft nicht. Jackie fällt in ihren Alltagstrott zurück, zu dem in unregelmäßigen Abständen auch freudloser Sex mit einem verheirateten Kollegen gehört.

»Red Road« ist der erste Film einer geplanten Trilogie, die von der dänisch-schottischen Gruppe »Advance Party« initiiert wurde und sich lose an das inzwischen auch schon wieder zehn Jahre alte Dogma-95-Manifest anlehnt. Dass Lars von Triers Produktionsfirma Zoetrope an »Advance Party« beteiligt ist, sieht man dem Film sofort an. Arnold hält sich zunächst stark an die flüchtige Ästhetik von Überwachungsszenarios. Ihre Bilder wirken haltlos, immer wieder scheinen sie ein Zentrum zu suchen – das haben sie mit denen gemein, in denen Jackie Tag für Tag und Nachtschicht für Nachschicht Hinweise auf Störungen der öffentlichen Ordnung sucht.

Wie die Filme der Dogma-Gruppe ist auch die »Advance Party«-Trilogie Grundregeln unterworfen: Alle Filme müssen von Regiedebütanten gemacht sein, und jeder von ihnen muss auf dasselbe, von Anders Thomas Jensen (»Wilbur wants to kill himself«) und Lone Scherfig lose skizzierte Figurenensemble zurückgreifen, die immer von denselben Darstellern gespielt werden.

Arnold hat nun mit »Red Road« – der Titel bezieht sich auf den Namen des Straßenzugs, den Jackie täglich observiert – ein beachtliches Debüt vorgelegt, an dem sich die folgenden Filme zu messen haben. Das große Plus ist hier vor allem die schottische Fernsehdarstellerin Kate Dickie, deren introvertierte, leicht skeptische Blicke die eigentliche, die innere Handlung von »Red Road« tragen. Jackie nämlich leidet still unter einer Verletzung, die Arnolds Film in einem langen, schmerzvollen, zunächst obsessiven und schließlich explosiven Prozess an die Oberfläche befördert.

Als Jackie bei ihren täglichen Überwachungen ein vorbestrafter Anwohner (Tony Curran) auffällt, reagiert sie mit Entsetzen. Der Mann, das deutet sich an, spielte eine tragende Rolle in Jackies Vergangenheit, doch die versucht der Film zunächst sorgfältig unter somnambulen Soundscapes und flüchtigen, grobkörnigen Bildern zu verbergen. Immer ausgiebiger nutzt Jackie ihre Möglichkeiten der Überwachung nun dazu, diesen einen Mann zu beobachten, sein Leben und seine Gewohnheiten auszukundschaften. Je weiter sie ihrer Obsession nachgibt, desto klarer wird auch die Tragweite der Tragödie, von der »Red Road« eigentlich erzählen will. Jackie verlässt schließlich ihren Kontrollraum, um den Mann in seiner Wirklichkeit, die sie sich bald mit erschreckender Konsequenz selbst zu eigen macht, zu konfrontieren.

Es ist das Vage, buchstäblich Unscharfe, das Arnolds Film so faszinierend macht. Lange Zeit scheint sich »Red Road« in einer Halbwelt abzuspielen, die keiner Realität zuzuordnen ist. Solange der Film sich seiner Hauptfigur atmosphärisch zu nähern versucht, überzeugt er als komplexe, sich in Widersprüchen verstrickende Charakterstudie einer Frau, die den Kontakt zu ihrer Umwelt verloren hat. Sobald der Film jedoch die klaustrophobische Enge von Jackies Überwachungsturm verlässt, verfällt er zusehends in psychologische Klischees. Dass »Red Road« gegen Ende etwas auseinanderfällt, mag auch daran liegen, dass Arnold bislang nur mit Kurzfilmen Erfahrung gesammelt hat. Für »Wasp«, in dem es um eine junge Mutter mit vier Kindern von verschiedenen Vätern ging, gewann sie 2003 den Oscar. Doch auch wenn ihr der lange Atem noch fehlt, beweist sie mit ihrem Debüt doch ein unfehlbares Gespür für diese seltenen Momente, in denen sich unartikulierbare Gefühlszustände in einer einzigen Einstellung auflösen.

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