Kritik zu Rammbock

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Mit Schaum vorm Mund durch die Hinterhöfe des Berliner Bergmannstraßen- Kiezes: Der Österreicher Marvin Kren transportiert das Zombiefilmgenre in die deutsche Hauptstadt und ins »Kleine Fernsehspiel«

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Im zarten Alter von sieben Jahren hat der österreichische Jungregisseur Marvin Kren in der elternfreien Wohnung George A. Romeros 1968 entstandenen Zombieklassiker »Die Nacht der lebenden Toten« im Fernsehen gesehen. Die alptraumhaften Bilder von wandelnden Toten, die nach Menschenfleisch gieren, hat Kren jetzt in seinem Debutfilm »Rammbock« in das Berlin von hier und heute verlegt. Michael (Michael Fuith) ist extra aus Wien gekommen, um seiner Exfreundin Gabi den Wohnungsschlüssel wiederzubringen. Insgeheim hofft der sensible und etwas weltfremde Philanthrop noch auf eine Versöhnung. Doch anstelle seiner Angebeteten trifft Michael in Gabis Wohnung auf einen offenbar tollwütigen Heizungsmechaniker. Aus Angst vor Ansteckung verbarrikadiert er sich gemeinsam mit dem 15-jährigen Lehrling Harper (Theo Trebs aus »Das weisse Band«) in der geräumigen Altbauwohnung. Denn ein Virus hat aus Handwerkern, Polizisten und auch der Oma von nebenan blutrünstige Zombies gemacht, die mit Schaum vor dem Mund durch die Berliner Hinterhöfe des Kreuzberger Bergmannstraßen-Kiezes taumeln. Als Michael dann endlich seine zum Glück noch nicht infizierte Gabi auf dem Dachboden findet, muss er jedoch feststellen, das seine Ex längst einen neuen Beschützer gefunden hat.

Was vom »Kleinen Fernsehspiel« des ZDF sicher als gewagter Vorstoß in vom öffentlich rechtlichen Fernsehen noch unerforschte Horrorfilmgefilde gemeint war, ist popkulturell natürlich längst Schneematsch von Vorgestern. Seit Jahren haben sich die plakativen Pizzagesichter der Zombies im Mainstreamkino und in Videospielen etabliert. Unzählige Produktionen wie »[Rec.] 2«, »Dead Air«, »Die Horde« oder der semiprofessionelle Kurzfilm »Paris by Night of the Living Dead« überschwemmen aktuell den längst übersättigten DVD-Markt. Mit »The Walking Dead« steht gar eine amerikanische Zombie-TV-Serie in den Startlöchern. Dieses oft uninspirierte Überangebot an Zombiekost hat zur Folge, dass der von George A. Romero vor mehr als 40 Jahren unterschwellig mit bissiger Sozialkritik unterfütterte Zombiefilm heute fast so hirn- und untot ist wie seine Protagonisten. Mit neuen Ideen oder Deutungsmöglichkeiten halten sich auch Marvin Kren und sein Autor Benjamin Hessler bei »Rammbock« zurück. Die für das Genre typische übertriebene Gewaltdarstellung bleibt notgedrungen hinter den Erwartungen des Splatter-Publikums zurück. Hier macht sich bemerkbar, das die Macher stets die Ausstrahlung im ZDF im Hinterkopf hatten. Dennoch ist diese kleine (64 Minuten) Berliner Zombieapokalypse eine kurzweilige Fingerübung, die formal durchaus überzeugen kann und der es gelingt, das derzeit überstrapazierte Zombiesubgenre in die Realität und Banalität des deutschen Alltags einbrechen zu lassen. Aus dem Widerspruch zwischen Alltagssituationen und Horrorfilmszenario entsteht eine unterschwellige Komik, die dem Film allerdings auch einiges an Biss nimmt. Mit dem in dieser grausamen Welt kaum überlebensfähigen Träumer Michael kann sich auch der nicht zombieerprobte ZDF-Zuschauer identifizieren.

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