Kritik zu Peter Lindbergh – Women's Stories

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2019
Original-Titel: 
Peter Lindbergh – Women's Stories
Filmstart in Deutschland: 
30.05.2019
V: 
L: 
113 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Jean Michel Vecchiet porträtiert in seinem Dokumentarfilm den Modefotografen Peter Lindbergh, indem er dessen überbordernde Lebens- und Schaffensenergie auf die Leinwand bringt

Bewertung: 4
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Wie wird man zum Künstler? Das ist die Ausgangsfrage von Jean Michel Vecchiet, der schon den Maler Jean Michel Basquiat dokumentarisch eingefangen hat. In seiner filmischen Annäherung an den deutschen Modefotografen Peter Lindbergh wählt er einen ganz persönlichen Ansatz. Er beginnt mit seinen eigenen frühen Eindrücken vom Schaffen Jackson Pollocks, der im Action-Painting einen Tanz um die Leinwand vollführt, sehr physisch und immer in Bewegung, um dann eine Brücke zu Lindbergh zu schlagen, der am Fotoset ganz ähnlich agiert. Immer in dynamisch elektrisierender Bewegung wirbelt er um die von ihm geschaffenen Super-Models wie Naomi Campbell, Linda Evangelista oder Cindy Crawford und um Schauspielstars wie Julianne Moore, Nicole Kidman, Charlotte Rampling und Jeanne Moreau herum. Statt die Biografie chronologisch abzuarbeiten, überträgt Vecchiet diese überbordende Lebens- und Schaffensenergie direkt in seine Bilder. Aus Fotos und Filmen von den Aufnahmearbeiten und langen Gesprächen mit den Frauen in Lindberghs Leben, der Schwester, den Lebensgefährtinnen, den Models, den Redakteurinnen komponiert er eine Lebensgeschichte, die in vielen verschiedenen Facetten luftig und flirrend auf die Leinwand getupft ist. So rastlos wie der Fotograf im Leben springt auch Vecchiet zwischen den Zeiten und den Orten. Nichts ist hier starr und fest gefügt, alles bleibt immer in Bewegung, im Übergang, im Fluss. Dazu gehört auch, dass Lindbergh am liebsten unter fluiden Bedingungen arbeitet, in Dunst und Nebel, in Dampf und Rauch und sogar in Wind und Regen.

In der schnellen Abfolge der Kameraklicks verbinden sich die Einzelfotos zu kleinen Filmen, wie überhaupt die Fotos von Lindbergh nicht einfach nur luxuriöse Haute Couture und schöne Models abbilden, sondern aus dem Aufeinandertreffen extremer Gegensätze Geschichten entstehen lassen. In den Kohlebergwerken des Ruhrgebiets, in den wuselnden Straßen des Latinoviertels von Los Angeles, an einsamen südfranzösischen Stränden oder auf fingierten »Crime Scenes« und Endzeitszenerien entstehen berühmte Fotoserien. Aus der Kollision von pulsierender Realität und künstlicher Modewelt ergeben sich Reibungsfunken und Spannungsverhältnisse. Und in einer Split-Screen-Komposition sind die Reaktionen von Naomi Campbell auf einen lang zurückliegenden Shoot zu sehen.

Über Jahrzehnte hinweg hat Vecchiet den befreundeten Fotografen begleitet, so ist seine Kamera auch dabei, wenn Lindbergh auf Stromboli seine Frau mit der Kamera einfängt: »Nichts ist schöner, als die Frau zu fotografieren, die man liebt«, sagt er und fängt sie in atemraubend flüchtigen Bildern von poetischer Zärtlichkeit ein. Auch wenn Lindbergh auf konkrete Fragen nur ausweichend antwortet, wird seine Persönlichkeit greifbar, mit der ansteckenden Lebenslust, der pulsierenden Kreativität, der überschäumenden Neugier. Das Schlusswort hat Charlotte Rampling: Um sich als Künstler ständig zu erneuern, müsse man die Kindheit immer in sich tragen.

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