Kritik zu Passione

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2010
Original-Titel: 
Passione
Filmstart in Deutschland: 
07.04.2011
L: 
96 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Geburtstadt des »O sole mio« ist Neapel: John Turturro will mit diesem Dokumentarfilm die musikalischen Traditionen der Stadt vorstellen, die bis heute die Populärmusik prägt, weit über Italien hinaus

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»Dass kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, dass ihre Dichter von der Glückseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarstadt stünden«, notierte der Italienreisende Goethe. Dass die Nähe des Vulkans etwas mit der besonderen Leidenschaftlichkeit der Neapolitaner zu tun haben müsse – dieses Motiv spielen viele der Songs an, die John Turturro für sein musikalisches Porträt Neapels versammelt hat. Nicht zufällig hat er den Titel »Passione« gewählt.

Turturro ist als markanter Schauspieler bekannt, berühmt für seine Zeichnung fiebriger, durchgeknallter Charaktere. Auf dem Theater hat er, der eigentlich »ein großer Tänzer wie Fred Astaire« werden wollte, Brecht und Beckett gespielt und in Szene gesetzt. Im Kino wirkte er in über 70 Filmen mit, arbeitete mit Scorsese, Spike Lee und mit den Coen-Brüdern. Für seine Titelrolle in deren »Barton Fink« erhielt er 1991 in Cannes den Darstellerpreis. Nun hat er – sizilianische Mutter, apulischer Vater, aufgewachsen in Queens – eine Reise zu seiner Passion für neapolitanische Musik gemacht und spielt den Reiseführer.

Mit ein paar Tanzschritten leitet er seine muntere Exkursion ein, tänzerisch beschwingt reiht er Songs seiner neapolitanischen Lieblingsbands aneinander. Er inszeniert sie wie Musikclips, wobei sich die live gespielten Nummern immer spannender darbieten als die zu Playback inszenierten Sachen. Musikalisch wird ein weiter Bogen gespannt: von traditioneller Folklore über Chansons und Jazz bis zu Ethnopop. Die verschiedensten Einflüsse und Prägungen sollen sichtbar und hörbar werden: spanische, französische, arabische popkulturelle. Spuren einer Stadtgeschichte, die von diversen Einwanderern und Invasoren geprägt ist. Hübscher Einfall: wie unterschiedlich der Gassenhauer »O sole mio« klingt, wenn er mit arabischem, opernhaftem oder poppigem Zungenschlag vorgetragen wird.

Als Intermezzi: Alltagsszenen in den engen Gassen, Befragung legendärer Plattenproduzenten, Archivaufnahmen zur Stadtgeschichte wie jene von den 1945 einrückenden amerikanischen Panzern. Der Sound von Country & Western, Blues und Jazz hält Einzug in die Stadt. Die Stadt als Schmelztiegel unterschiedlicher kultureller Einflüsse im Spiegel ihrer Musik. Turturro sucht nach der Seele Neapels und erkundet deren besondere Vitalität.

Bei aller Prägnanz im Einzelnen bleibt er dabei doch insgesamt in einem vagen Impressionismus hängen. So tief wie zum Beispiel Fatih Akin mit seinem »Crossing the BridgeThe Sound of Istanbul« in die verschiedenen musikalischen Milieus und Stile einer Stadt eingetaucht ist, dringt Turturro in Neapel nicht vor. Den Sound einer Stadt aus ihrer musikalischen Vielfalt zu erschließen, dazu ist seine Form der anekdotischen Annäherung nicht wirklich fähig. Er belässt es beim touristischen Blick, beim Capriccio, das hübsch anzuschauen ist, das aber das Innerste der Leidenschaften nicht aufrühren kann.

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