Kritik zu Paradies: Glaube

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Im zweiten Teil seiner »Paradies«-Trilogie erzählt Ulrich Seidl von einer Frau zwischen zwei Männern: Der eine ist ihr muslimischer Ehemann, der andere Jesus

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Anna Maria liebt Jesus, mit Leib und Seele, wie man so sagt. In ihrem Urlaub geht die 50-Jährige mit einer 40 Zentimeter hohen Wandermuttergottes missionieren. Und morgens und abends absolviert sie Bußübungen: Sie rutscht auf den Knien durch ihr Einfamilienhaus, während sie das Ave-Maria betet. Oder sie legt das Oberteil ihres Kleides und den Büstenhalter ab, um sich mit Blick auf ein Holzkreuz zu geißeln. Das sündige Fleisch muss im Zaum gehalten werden, weiß Anna Maria. Das Fleisch will aber auch etwas spüren.

Das Körperliche ist wichtig in den Filmen des Österreichers Ulrich Seidl. Meist ist es eine Bürde für seine Protagonisten, die unter Übergewicht, ihrem Alter, einer Behinderung oder Hässlichkeit leiden und ebenso groteske wie anrührende Ersatzbefriedigungen für ihre Sehnsucht nach Liebe finden. In »Paradies: Liebe«, dem ersten Teil seiner »Paradies«-Trilogie, reist Teresa nach Kenia, wo sie Sex und Zärtlichkeit gegen Geld tauscht. »Paradies: Glaube«, der zweite Teil, erzählt von Teresas Schwester Anna Maria (überragend: Maria Hofstätter), die das Fleischliche leugnet und bekämpft, ihren Jesus aber sogar mit ins Bett nimmt.

Von Beruf ist Anna Maria Röntgenassistentin, mit professioneller Kälte kommandiert sie halbnackte Menschen herum, damit sie unter den Apparaten stillhalten. Das leidende Fleisch ist hier zu sehen, klinisch nüchtern durchleuchtet, Trost und Sinn sind hier nicht zu finden. Den Kontrast dazu fasst Seidl in einen Schnitt: Da betet Anna Maria zu Christus am Kreuz – es folgt ein Bild mit der gleichen Blickachse, ebenfalls von hinten, wie sie auf der Straße steht und ein rotes Ampelmännchen anschaut. Der Bildaufbau (Kamera: Wolfgang Thaler und Ed Lachman) zwingt zum Vergleich, und – so abstoßend Anna Marias Fundamentalismus auch sein mag – die Welt »draußen« ohne Jesus sieht leer und banal dagegen aus.

Auch Anna Maria kennt das Leiden des Fleisches; ihr Mann Nabil ist querschnittgelähmt seit einem Unfall. Nach einigen Jahren der Abwesenheit taucht er plötzlich wieder auf. Und weil Nabil ein ägyptischer Muslim ist – auch der Zuschauer braucht eine Weile, um diese Wendung zu verdauen –, beginnt ein Glaubenskrieg in den heimischen vier Wänden. Nicht weil auch Nabil fanatisch gläubig wäre, sondern weil er – mit gutem Grund – eifersüchtig auf Jesus ist. Deshalb ersetzt er Anna Marias geliebtes Jesusbild auf ihrem Nachttisch durch ihr Hochzeitsfoto und haut alle Kreuze von den Wänden. Woraufhin sie ihm den Rollstuhl wegnimmt und er sie als Hure und Schlampe beschimpft. Wie sich Religion, Sex, Macht und Gewalt zueinander verhalten, lässt sich in »Paradies: Glaube« gut studieren. Seidl wurde dazu durch seinen Dokumentarfilm »Jesus, Du weisst« (2003) inspiriert, in dem er Menschen beim Beten zusah. Eine besonders inbrünstig betende Katholikin erzählte dabei von den Problemen mit ihrem muslimischen Mann.

Zu Seidls Arbeitsweise gehört die Vermischung von fiktionalen und dokumentarischen Elementen. Seine Spielfilme dreht er immer an Originalschauplätzen, und immer lässt er neben Profidarstellern auch Laien spielen. In »Paradies: Glaube« hat er die Rolle des Ehemannes einem Laien gegeben – Nabil Saleh hat vorher noch nie vor der Kamera gestanden. Er ist ein gleichwertiger Gegner und Partner für Maria Hofstätter, spielt überzeugend den querschnittgelähmten Macho, der noch im Rollstuhl seine ehelichen Rechte einfordert. Dabei wirkt er zunächst ganz charmant. Subtil erschließt Seidl aber auch Aspekte dieser Ehe, die frustrierend für Anna Maria gewesen sein dürften. Vermutlich spürt sie in der Beziehung zu Gott mehr Autonomie als früher in ihrer Ehe.

Maria Hofstätter liefert eine schonungslose, dabei einfühlsame Performance. Sympathisch ist diese Anna Maria nicht, sie ist eine beinharte Fundamentalistin. Und doch rührt sie mit ihrem Wunsch, Gutes zu tun, mit ihrer Liebessehnsucht und Hingabebereitschaft. Ihre Missionierungsgänge sind tapfere Reisen ins Österreich der Sozialwohnungen, Migrantenfamilien und Abgestürzten. Ob es in der Welt, die sich in diesen – oft monströs komischen – Episoden auftut, einen Gott gibt, muss jeder Zuschauer selbst entscheiden.

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