Kritik zu Paradies: Liebe

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Der erste Teil von Ulrich Seidls Trilogie zu den Themen »Glaube, Liebe Hoffnung« zeigt weiblichen Sextourismus auf die gewohnt schonungslose Weise des österreichischen Regisseurs

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Sugar-Daddys kennt jeder. Sugar-Mamas gibt es auch, jedenfalls an den Touristenstränden der kenianischen Küste. Ihr Gegenstück sind die Beachboys, junge afrikanische Männer, die eine Liaison mit den Urlauberinnen eingehen. Selbstverständlich nicht gratis – der Lohn in Form von Geschenken und monetärer Unterstützung wird nach einer angemessenen Weile verlangt. Verbrämte Prostitution im postkolonialen Setting, die Kunden sind weiße ältere Frauen, deren Liebesleben zu Hause darbt. Seidls Teresa (Margarete Tiesel) ist so eine, auch wenn die resolute Wienerin nicht in erster Linie als Sextouristin nach Kenia kam, sondern auf der Suche nach Erholung. Doch einsam ist sie auch. Als sie – angestachelt durch routiniertere Sugar-Mamas – mit ihrem ersten Lover auf dem Bett einer Absteige landet, ist ihr das Fehlen von Gefühlen noch klar und peinlich. Beim Zweiten lässt sie sich die Liebe schon gerne einreden. Ernüchterung samt Lerneffekt folgt, allerdings nicht im romantischen Sinn.

Ulrich Seidl polarisiert die Kritik, die einen halten ihn für einen selten aufrichtigen Beobachter, andere für einen Provokateur, der durch spektakuläre Themen Aufmerksamkeit zieht. Doch als Paradies: Liebe als erster Teil einer Trilogie im Mai in Cannes vorgestellt wurde, zeigten sich alle beeindruckt von der Wahrhaftigkeit in der Darstellung der unschönen Wirklichkeit und der brillanten Hauptdarstellerin. Beides stimmt: Margarete Tiesel macht ihre Sache großartig, ebenso wie Inge Maux als rasta-lockige Rassistin und Peter Kazungu, der auch im echten Leben ein Beachboy ist. Und geschönt ist hier, wie bei Seidl üblich, wirklich nichts, die Kontrastewerden im Gegenteil karikaturesk ausgespielt, wenn die Beachboys immer wieder als lästiger Schwarm über die Touristinnen herfallen und diese sich zunehmend schamloser auf Kosten der Einheimischen amüsieren. Gelungen auch eine Szene, in der Teresa versucht, ihren jungen Lover in einem Schnellkurs in die Routine westlicher Sexualbegegnungen einzuweisen und dessen rein monetäres Begehren als kulturelle Differenz missversteht.

Mitleid lässt das autoritäre Gehabe der Liebessehnsüchtigen dabei kaum zu. Paradies: Liebe ist gebaut als Lehrstück, das Problem dabei nur, dass es hier nichts zu lernen gibt außer Banalitäten über Rassismus, Macht und Geld. So schleppt sich der durchsichtig konstruierte Plot quälend dahin. Auch die Settings sind beeindruckend schön und rhetorisch: etwa die Totale vom Strand, wo ein Seil die Urlauber auf ihren Liegen von den dahinter malerisch aufgestellten einheimischen Souvenirverkäufern trennt. Dazu kommen die Seidl-üblichen Zwangsoutings, wenn der Regisseur seine voluminöse Protagonistin immer wieder halbnackt durch Hotelzimmer und Balkon tapsen lässt. Als filmische Studie über Verrohung in einer Welt globalisierter Ausbeutung stolpert Paradies: Liebe aber über seine allzu liebensunwürdige Hauptfigur und seine Konstruiertheit.

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