Kritik zu Nouvelle Vague
Humorvoll erzählt Richard Linklater die Entstehung von Godards Meisterwerk »Ausser Atem« und schafft eine stilvolle Hommage an die berühmte Filmbewegung.
Was braucht man für einen Film? »Ein Mädchen und eine Knarre« – mit diesen Worten skizziert Jean-Luc Godard ein überschaubares, gleichzeitig kühnes ästhetisches Programm in Richard Linklaters Film »Nouvelle Vague«. Der legendäre französische Filmemacher Godard (1930–2022) gehörte mit François Truffaut und Claude Chabrol zu den führenden Köpfen einer Bewegung, die in den späten 1950er und in den 1960er Jahren das Kino revolutionierte. Der Einsatz von Handkameras, spontanen Dialogen und dokumentarisch anmutenden Drehs auf der Straße wurde zum Markenzeichen der »neuen Welle«.
Linklater hat eine fabelhafte Hommage an die Nouvelle Vague gedreht: überwiegend auf Französisch, in edlem Schwarz-Weiß und im klassischen 35-mm-Format. Er erzählt nach einem Drehbuch von Holly Gent und Vince Palmo die Entstehungsgeschichte von Godards Meisterwerk »Ausser Atem« (À bout de souffle) nach, das 1959 in nur 23 Drehtagen entstand. Guillaume Marbeck verkörpert Godard als Künstler, der regelrecht besoffen ist von seiner eigenen Genialität. Er strapaziert die Nerven und die Geduld der Welt um sich herum - speziell die der US-Schauspielerin Jean Seberg (Zoey Deutch), die zusammen mit Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin) eines der berühmtesten Paare der Filmgeschichte erschafft.
»Nouvelle Vague« ist nicht nur ein Film für Cineasten, sondern wegen seiner humorvollen Akzente ein Werk fürs große Publikum. Neben künstlerischem Anspruch ist wohl auch ein Quäntchen biografisch begründete Motivation im Spiel. Godard war 29, als er »Ausser Atem« drehte; Linklater war 29, als er sich 1990 mit »Slacker« einen Platz in der ersten Liga des amerikanischen Independent-Kinos erarbeitete.
David Chambilles Kamera führt das Publikum zu Beginn in ein Pariser Künstlermilieu ein, in dem Wein, Zigaretten und Aphorismen (»Toute civilisation est mortelle«) nie ausgehen und Eitelkeit und Ehrgeiz eine produktive Allianz eingehen. Es fällt schwer, den Überblick über das Personal zu behalten, das wie im XXL-Schnappschuss-Modus eingeführt wird: Truffaut, Chabrol, Juliette Gréco, Suzanne Schiffman, Jacques Rivette, Éric Rohmer, Jean Cocteau, Roberto Rossellini, Jean-Pierre Melville - um nur einige zu nennen.
Marbecks Godard kommt langsam in die Jahre, blickt frustriert auf den jüngeren Truffaut (Adrien Rouyard), der 1959 in Cannes mit »Sie küssten und sie schlugen« ihn triumphiert. Der bei der »Cahiers du cinéma« beschäftigte Filmkritiker Godard will endlich auf die andere Seite, die des Filmemachers, überwechseln. Der Weg zum Ruhm gestaltet sich beschwerlich für den Mann, der Kino als revolutionäre Kunst versteht. Ohne festes Drehbuch und die Notwendigkeit dramaturgischer Stringenz verfolgt er das »Unmittelbare und Unerwartete«, das Gewicht von Schicksal und Tod sowie »die Seele der Dinge« in seiner Kunst. Godard ist einer, der sich keiner Regel unterwirft und Einfluss von außen abblockt. »Personne ne touche à rien« – hier rührt keiner etwas an. An manchen Drehtagen arbeitet er kaum oder gar nicht. Linklater inszeniert die Konflikte mit dem Produzenten Georges de Beauregard (Bruno Dreyfürst) mit leichter Hand. Matthieu Penchinat verkörpert den Kameramann Raoul Coutard, den keine Laune und kein überfallartiger Einfall des Kinohexenmeisters Godard sichtbar verunsichern kann. Für einen Dreh auf einem Pariser Boulevard steckt er Coutard in eine Kiste.
Intensiv widmet sich Linklater den Spannungen zwischen Godard und seiner Hauptdarstellerin, dem Hollywoodstar Seberg. Ihre verständliche Skepsis betäubt er mit einer Mischung aus herausfordernder Rücksichtslosigkeit und unwiderstehlicher kreativer Besessenheit. Zoey Deutch fühlt sich auf magische Weise, zwillingsschwesterhaft, in ihre Figur ein. Sie zeichnet den Charme, die Schlagfertigkeit und Aura von Jean Seberg nach, zeigt aber auch ihre Verletzlichkeit und immer wieder aufscheinende Verunsicherung. Aubry Dullin als Belmondo ist erfüllt von draufgängerischer Hauptdarsteller-Energie: Bébel, wie ihn die Franzosen nannten, am Anfang einer großen Karriere.




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