Kritik zu Nocturama

© Real Fiction Filmverleih

Paris gehört uns. Die verlorene Jugend der Seine-Metropole attackiert die Stadt in einer terroristischen Aktion. Bertrand Bonellos mysteriöser Film ist keine Reaktion auf die islamistischen Anschläge der letzten Zeit, sondern eine genuin cineastische Beschreibung einer Atmosphäre zwischen Aufruhr und Verzweiflung

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Ein Tag wie jeder andere in Paris. Ein sonniger Tag. In einer Luftaufnahme sieht man das Häusermeer. Gleich könnte Jean-Pierre Léaud dort unten aus einem Haus treten und verträumt durch die Hauptstadt der Liebe, der Revolution und der Cinephilie schreiten. Ein Tag wie jeder andere in Paris. Aus der Luft geht es in einem harten Schnitt hinunter in den Untergrund der Stadt, in das Netz der Metro. Ein junger Mann sitzt in einem U-Bahn-Wagen. Ein junger Mann, unsicher und doch mit einer Mission. Andere junge Leute werden ihm begegnen, mit ihm Kontakt aufnehmen. Andere Einzelgänger, Jungs und Mädchen, ein Liebespaar; junge Leute jeglicher Herkunft, Religion, Gesellschaftsschicht. Ein Panorama der französischen Jugend entsteht im Metro-Untergrund: die schrecklichen Enkel der Nouvelle Vague. Wie Bonello mit fast dokumentarischer Obsession ihre paranoiden Blicke festhält, ihre Wege beschreibt, die zu einem apokalyptischen Ziel führen, das lässt den Zuschauer teilhaben an einer atemlosen Aktion, A bout de souffle …

Der erste Teil von »Nocturama« ist ein superrealistischer Thriller der geheimen Zeichen unter den Verschwörern, aber auch der Werbungen und Denkmäler der Stadt, die verweisen und erinnern. Zudem ist er ein Thriller der Zeit, handelnd von der Tragödie der Gleichzeitigkeit. In dieses temporäre Panorama baut Bonello noch geschickt Flashbacks ein, in denen angedeutet wird, wie aus dem bunten Haufen der Jugendlichen so etwas wie eine fragile Equipe entsteht.

Die Unzufriedenen, sie wollen sich der Stadt bemächtigen in einem gewaltigen Terrorakt. »Paris nous appartient«: Im Kampf gegen Bankenkrise, Jugendarbeitslosigkeit, vielleicht gegen den Kapitalismus, gegen die brennende Langeweile, gegen alle Ursachen. »Rebels without a cause.« Der Anführer, älter als alle anderen, könnte ein Verführer sein. Le diable probablement. An Godard und Rivette, an Bresson und Franju lässt gerade diese erste Hälfte denken. In der Maschinerie der Aktionen sticht eine Szene heraus. Das Liebespaar sitzt vorne in einem Metro-Waggon, an der Spitze, avantgardistisch. Ihre Hände berühren sich, zärtlich und entschlossen. »Bonnie und Clyde« und »Die Außenseiterbande« stürmen La Défense.

Die Serie der Anschläge zeigt Bonello als Explosion des Lichts. Schließlich bricht die Nacht herein. Die Terroristen fliehen in ein Kaufhaus im Zentrum. Der zweite Teil des Films spielt beinahe gänzlich in diesem Tempel des Konsums. Die Verschwörer sind gefangen in diesem Weltmodell des Designs, ähnlich wie die Protagonisten aus Romeros »Dawn of the Dead«. Der zweite Teil wirkt theatralisch und melodramatisch, zumal das Kaufhaus wie eine Kulisse erscheint. Eine Nacht beginnt wie keine andere, ein Totentanz-Musical wird inszeniert. Das anfängliche Panorama ist zum Nocturama geworden.

Im Kaufhaus, der ironischen letzten Zuflucht, verkleiden sich die Jugendlichen. Haben sie je aufgehört zu spielen? In einer aberwitzigen Sequenz begegnet der Einzelgänger vom Anfang des Films gleichsam sich selbst. Da steht er in seinem Nike-T-Shirt einer Schaufensterpuppe gegenüber, die dasselbe Outfit trägt. Am Ende wird er »My Way« interpretieren, geschminkt wie eine Frau. Das Liebespaar ist beinahe versucht, in der Brautmodenabteilung die Hochzeit zu proben. Und der jüngste der Rebellen, ein kindlich wirkender farbiger Junge, offenbart den Schrecken der Unschuld mit Hilfe einer bizarren Maske.

Bonellos schöner, schrecklicher, schmerzlicher Film funktioniert vor allem über den beinahe philosophischen Suspense zwischen seinen beiden so unterschiedlichen Teilen, über den Suspense zwischen Tat und Erinnerung/Vision. Bonello hat das Drehbuch geraume Zeit vor den islamistischen Anschlägen verfasst. Es geht ihm nicht um Aktualität und Erklärung. Momente der Wahrheit blitzen im Zusammenhang auf, auch im Verweis auf Kino- und Popgeschichte. Es geht um eine Stimmungslage: um eine Hardcore-Tristesse, wie verfasst von Françoise Sagan und J. G. Ballard.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns