Kritik zu Nine

© Senator

Rob Marshalls Filmversion eines Broadwaymusicals nach Fellinis »8 ½« ist ein schrilles Konglomerat mit vielen, vielen sich räkelnden weiblichen Stars

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Die Geschichte ist scheinbar schnell erzählt. Ein Regisseur steckt in einer kreativen Krise. Er quält sich mit Ideenmangel, erleidet eine Panikattacke und zieht sich daraufhin in ein Kurbad zurück. Auf der Suche nach einer Idee für seinen nächsten, bereits angekündigten Film driftet er dort zwischen Realität und Fantasie hin und her. Verfolgt von den Anforderungen seiner Producer und den Erwartungen etlicher Frauen, flüchtet er sich in Erinnerungen, Träume und Visionen.

In den Händen eines weniger begabten Autors/Regisseurs als Fellini hätte das eine recht eindimensionale Geschichte werden können. Aber im Gegensatz zu Rob Marshalls Film »Nine« ist Fellinis »8 ½« unter vielem anderen auch eine autobiografisch gefärbte filmische Meditation über die Wirrungen des Körpers und der Psyche, über Lust und Scham, über Schuld und Vergebung. Rob Marshall streift diese Themen nicht einmal mit einem Blick, er gibt sich mit den Eckpunkten der Geschichte zufrieden.

Dabei beginnt »Nine« mit einem vielversprechenden Monolog. Wir sehen das Flackern eines Projektors und hören Daniel Day-Lewis alias Guido Contini über den flüchtigen Charakter von »Film« räsonieren. Er spricht davon, wie schnell man eine Idee im Keim erstickt, wenn man über sie redet; von Schauspielern, die der Idee dann wiederum Leben einhauchen können; von jenem magischen Augenblick am Schneidetisch, wenn mitunter die Vision für einen Bruchteil einer Sekunde wieder sichtbar ist; und davon, wie, wenn der Autor/Regisseur Glück hat, sich dieser Zauber im Dunkel des Zuschauerraumes eines Kinos wiederholt.

Michael Tolkin und Anthony Minghella, die das Drehbuch zu »Nine« geschrieben haben, ziehen dieses Thema wie eine Leitlinie durch den Film. Meist ist es Continis Ausstatterin Lilli (Judi Dench), die ihren Regisseur daran erinnert, dass Regie führen eine reichlich überschätze Beschäftigung ist – nichts als eine Reihe von Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können. Sie ist es aber auch, die ihn am Ende beschwört, seiner Begabung nachzugehen, weil er am besten noch immer »mit seiner Kamera schreibt«. Ach, würde Marshall doch auch »mit der Kamera schreiben«!

Aber Marschall führt Regie. Bunt, schrill und gewöhnlich. Er »schreibt« nicht, er inszeniert und choreographiert. Keinen Film, sondern »seine« Stars. Da rutscht Penélope Cruz als Continis Geliebte Carla in Netzstrümpfen auf rosa Satin herum, haucht: »Guido, Guido, Guido« und fasst sich zwischen die in die Luft gespreizten Beine. Nicole Kidman als Continis Muse Claudia umkreist singend einen theatralisch ausgeleuchteten Brunnen und klagt, dass sie weinen möchte, ohne dabei auch nur einen Gesichtsmuskel zu bewegen. Fergie, die Sängerin der Black Eyed Peas, turnt sich bei ihrer Nummer »Be Italian!« an einem Stuhl – was sonst? – ab. Ihre Vorlage ist »La Saraghina«, jene fast mythisch überhöhte Figur, die mit verschmiertem Make-up, wildem Blick und üppigen Brüsten auf Geheiß der Jungen in »8 ½« eine »Rhumba« tanzt. Doch seien es Carla, Claudia, Saraghina, oder selbst die von Sophia Loren verkörperte »Mamma« – die reichhaltigen Vorlagen Fellinis entwickeln sich unter Marshalls Regie nicht zu Figuren, sondern verkümmern zu Gelegenheiten für weibliche Hollywoodstars, sich singend und tanzend in Szene zu setzen. Einzig Marion Cotillard gelingt es als Continis Ehefrau Luisa, die Verletzlichkeit ihrer Figur zum Ausdruck zu bringen und so dem Film etwas Integrität zu geben. Da aber selbst Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis sich nur mager, müde und matt durch den Film bewegt und so gar nichts von der selbstverständlichen Eleganz und Nonchalance ausstrahlt, die Mastroiannis Guido hatte, verkommt der Film zur reinen Nummernrevue mit meist lauter Musik (Maury Yeston und Andrea Guerra).

Glücklich sei er gewesen, so Marshall in einem Interview zum Film, als Sophia Loren zugesagt habe. Jetzt habe ich einen italienischen Film, habe er gedacht, mit einer großen italienischen Schauspielerin, die die Seele des Filmes sein wird. Aber auch Sophia Loren hatte und war nur eine Nummer. Marshall hat keinen italienischen Film gemacht. Er hat ein Broadway-Musical verfilmt. Bunt, schrill und gewöhnlich.

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