Kritik zu NAWI – Dear Future Me
Eine Teenagerin aus dem ländlichen Kenia soll zwangsverheiratet werden. Die deutsch-kenianische Koproduktion weist auf ein weltweites Problem und seine Folgen hin.
Eine von 640 Millionen Frauen und Mädchen weltweit: In diesem kenianischen Coming-of-Age-Drama wird eine begabte 13-Jährige mit großen Zukunftsplänen von ihrem verschuldeten Vater zu einer Kinderehe gezwungen. »Ich bin acht Kamele, 60 Schafe und 100 Ziegen wert«, weiß Nawi. Das ist der Brautpreis, den ihr Vater mit einem reichen Bewerber ausgehandelt hat. Für die 13-Jährige ist der väterliche Plan, sie zu verheiraten, umso schlimmer, da sie gerade als beste Schülerin ihres Bezirks ausgezeichnet wurde und ein Stipendium an einer Highschool im fernen Nairobi in Aussicht hat. Während ihre Mutter Rosemary versucht, ihren Mann umzustimmen, reagiert dessen Erstfrau hämisch. Warum sollte es Nawi besser gehen als den anderen Frauen des Clans? Nawi, die in ihrem Tagebuch ihre Zukunftspläne und Gedanken notiert, ergreift die erste Gelegenheit zur Flucht. Doch die Bande der Tradition sind mächtig.
Das Coming-of-Age-Drama, kenianischer Oscarbeitrag 2025, ist angesiedelt im abgelegenen Turkana-Bundesland im Norden Kenias, einer wüstenhaften und von Viehzucht geprägten Provinz, in der Kinderehen trotz staatlichen Verbots gang und gäbe sind. Es entstand in Zusammenarbeit mit den NGOs »Learning Lions« und »Girls Not Brides« und wurde von einem deutsch-kenianischen Team gedreht. Das Drehbuch basiert auf einer preisgekrönten, von Schicksalen in ihrer eigenen Familie inspirierten Geschichte der jungen Autorin Milcah Cerotich. Laiendarstellerin Michelle Lemuya Ikeny verkörpert die Heldin als ein still beobachtendes Mädchen, das mit Hilfe seines kleinen Bruders ohne Aufsehen seinen Weg zu gehen versucht. Es fällt auf, dass der Männerklüngel, dessen Befehlen die Frauen mehr oder weniger murrend gehorchen, nicht gänzlich negativ gezeichnet ist. Der hochverschuldete Vater und sogar der Bräutigam verstehen durchaus Nawis Gefühle. Doch faktisch ist sie Sklavin eines ökonomischen Systems, in dem Frauen patriarchalischer Willkür ausgeliefert sind und wie Vieh verschachert werden.
Mag der Schauplatz auch exotisch sein, so wird dank der ausdrucksstarken Darstellerin klar, wie sehr Nawis Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben und der Loyalität zu ihrer Familie universelle Geltung hat. Und gerade weil man mehr von Nawis Leben erfahren will, vermisst man Kontext und Anschaulichkeit. Nicht nur beim Nebeneinander von Vielehe und Christentum bleiben Fragen offen. Auch Nawis Odyssee außerhalb des familiären Krals hätte mehr Details verdient. Gegen Ende wandelt sich der Film mit hastigen Wendungen von einer ergreifenden Charakterstudie zu einem Verlautbarungsfilm mit politischen Botschaften, mit denen die Grenze zum Dokumentarfilm überschritten wird. Im Dienste der guten Sache - Geschlechtergerechtigkeit und Kampf gegen Kinderehen, die aufgrund zu früher Schwangerschaften überdies viele Todesfälle zur Folge haben – gerinnt das anfangs spannende Drama zum Aufklärungsfilm, der dröger ist als nötig.
Dabei ist das Thema Kinderehe brandaktuell: Insgesamt 640 Millionen heute lebender Mädchen oder Frauen wurden als Kinder verheiratet, vier Millionen allein in Kenia. Das entspricht zwölf Prozent der Weltbevölkerung. Auch in Deutschland: 496 gemeldete Fälle von Zwangsverheiratung gab es etwa 2022 allein in Berlin, davon ein Drittel Minderjährige.



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