Kritik zu My first Lady

© Capelight Pictures

Der Präsident und seine First Lady beim ersten Date: Der Schauspieler und Drehbuchautor Richard Tanne verfilmt in seinem Langfilmdebüt die historisch überlieferte Begebenheit im Ton einer Liebeskomödie, aber durchaus mit politischem Anspruch

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Allzu oft werden verfilmte »wahre Ereignisse« mit hinzugedichteten Liebesgeschichten künstlich aufgepeppt, weil Autoren oder Produzenten die sacheigene Dramatik von Krieg oder Staatsaffären als nicht ausreichend erachten, um ein Publikum emotional anzusprechen. »My first Lady« zeigt, dass es auch andersrum geht. Und dass ein gewiefter Drehbuchschreiber aus einem historisch mehr oder weniger verbürgten Rendezvous ein komplexes historisches Zeit- und Sittenbild spinnen kann, das am Ende weit übers Anekdotische hinausgeht.

Bei den beiden, die sich hier begegnen, handelt es sich um Michelle Robinson und Barack Obama. Das Treffen ist die erste, offensichtlich von Barack betriebene, private Zusammenkunft der beiden jungen Anwälte, die – er als Hospitant, sie als seine Betreuerin – im Sommer 1989 in derselben Kanzlei in Chicago Dienst taten. Es war eine Verabredung, die vorgeblich nur dem gemeinsamen Besuch eines Nachbarschaftsmeetings in einem Armenviertel der Stadt diente. Doch schon bald nachdem der selbstbewusste Harvard-Student leicht verspätet mit seinem klapprigen Datsun vor dem Haus von Michelles Eltern vorfährt, wird klar, dass Barack weiterreichende Ambitionen hat. Und vor das Meeting (auf dem er einen großen Rednerauftritt haben wird) noch andere recht ausführliche Aktivitäten wie den Besuch einer Ausstellung und ein Picknick auf die Agenda gesetzt hat. Michelle protestiert vehement (aber am Ende bekanntermaßen nicht erfolgreich) gegen diesen geplanten Lauf der Dinge und besteht darauf, dass es sich bei dem Treffen keinesfalls um ein »Date« handle: eine für Europäer vielleicht unverständliche, in der US-Populärkultur aber essenzielle Frage.

Ein ganzer Film um eine einzige Verabredung? Dass das funktioniert, liegt einerseits an den Darstellern Parker Sawyers und Tika Sumpter, die ihren ikonischen Rollenvorlagen unverbraucht frischen Geist verleihen. Mindestens so bedeutend aber ist, dass Drehbuchautor und Regisseur Richard Tanne in seinem Spielfilmdebüt den Pas de deux situativ und dialogisch in ein dichtes Feld gesellschaftlich und individuell bedeutsamer Fragestellungen und Konflikte für junge Black Americans der damaligen Jahre einbettet.

So ist Michelles Widerstand gegen eine Affäre mit dem Kollegen keinesfalls nur weibliche Koketterie, sondern – wie von ihr auch präzise und einleuchtend dargelegt – ein gut begründeter und durchaus professioneller Schutzmechanismus einer jungen Anwältin, die als Frau und Schwarze doppelt unter beobachtendem Druck steht. Beim Essen werden neben Präferenzen für Eis oder Kuchen mit großer Reife familiäre und berufliche Entscheidungen zwischen Aufbegehren und Anpassung verhandelt. Eine Ausstellung der Kunst­ikone Ernie Barnes liefert die Folie für eine Reprise afro-amerikanischer Kultur- und Kindheitsmuster. Und wenn die beiden am Ende dann doch ganz dategerecht im Kino landen, gibt es mit »Do the Right Thing« des fast gleichaltrigen Regisseurs Spike Lee den Film zur Rassismusdebatte, der damals wie kein anderer die Gemüter bewegte.

Ein übrigens der historischen Überlieferung entsprechendes Detail. Doch zum Glück dient die faktische Akkuratesse hier weniger der Faktenhuberei als der sozialen Wahrhaftigkeit einer stilistisch dem Dating-Sujet entsprechend eher locker-flockig daherkommenden Inszenierung. Auch die Vorwegnahme kommender Ereignisse spielt keine übermäßig große Rolle. Dabei ist es wohl ein filmhistorisches Novum, einen noch aktiven Präsidenten fiktionalisiert in einer romantischen Rolle auf der Leinwand zu sehen. Propaganda betreibt »My first Lady« weniger für eine politische Partei als für eine politisch verantwortliche Lebensgestaltung. Nun wird Michelle aller Voraussicht nach nicht die erste Präsidentin der USA werden, aber bei den nächsten Academy Awards wären auf jeden Fall schon mal zwei Nominierungen für schwarze Schauspieler fällig.

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