Kritik zu Mütter und Töchter

© Universum

2009
Original-Titel: 
Mother and Child
Filmstart in Deutschland: 
28.04.2011
Musik: 
L: 
126 Min
FSK: 
12

Drei Frauen und drei Schicksale sind auf geheimnisvolle Weise verbunden. Dass hier alles nur um das eine Thema Adoption kreist, bleibt jedoch nicht lange verborgen

Bewertung: 4
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»In Treatment – Der Therapeut« heißt die auch hierzulande ausgestrahlte amerikanische TV-Serie mit Leinwandstar Gabriel Byrne in der Rolle des gebeutelten, aber sympathischen Analytikers, die den Regisseur Rodrigo García wohl bekannter gemacht hat als seine bisherigen Langfilme (»Gefühle, die man sieht. . . – Things you can tell«; »Passengers«). Jetzt setzt er mit seinem Kinofilm »Mütter und Töchter« kurzerhand die Zuschauer auf die Couch, indem er sie einer ständigen inneren Befragung unterzieht, zumindest die Frauen. Wie hältst du es mit der Mutterschaft?, raunt es da aus jedem Bild. Aber so einfach ist es auch wieder nicht.

Es geht um drei Frauen, drei Leben: Die Physiotherapeutin Karen (Annette Bening), die mit ihrer Mutter lebt und Briefe an ihre Tochter schreibt, war vierzehn, als sie diese – auf Geheiß der Mutter – zur Adoption freigeben musste. Die ehrgeizige Anwältin Elizabeth (Naomi Watts), die bei Geburt adoptiert wurde, führt ein ungebundenes Leben, wechselt dabei – durchaus zwanghaft – Arbeitsplätze wie Liebhaber. Die verheiratete Lucy (Kerry Washington) will sich ihren Kinderwunsch per Adoption erfüllen. Dass Karen und Elizabeth biologisch Mutter und Kind sind, liegt auf der Hand – die verschlungenen Wege, die beide gehen müssen, um sich ihren wahren Konflikten zu stellen und nach Lösungen, nach ihrem Lebensglück, zu suchen, sind das eigentliche Thema des Films. Die junge afroamerikanische Familie mit Kinderwunsch repräsentiert schon die nächste Generation, die offener, ohne verdrängte Schuldgefühle mit dieser Problematik umgehen kann.

Der Originaltitel »Mutter und Kind« (Mother and Child) beschwört die heilige Symbiose, die in der römisch-katholischen Ikonographie der Mariendarstellung verewigt ist und irgendwo zwischen Himmel und Erde ein Idealbild und einen Auftrag verkündet, der offenbar auch von Rodrigo García nicht auf die leichte Schulter genommen wird. Versteckt spielt er mit den geheimen Signalen, die von den Familiengeheimnissen ausgesandt werden, bis diese endlich ans Tageslicht gebracht werden. Aber der vermeintliche Vorrang der Blutsbande und das verheißene Bündnis zwischen »Mutter und Kind« bleiben keineswegs unhinterfragt, sondern sind Teil des hier ausgebreiteten Konfliktpotenzials und begleiten den Film bis zu seinem völlig überraschenden und unkonventionellen Happy End – ein großer, mühevoll gebastelter elliptischer Erzählbogen.

Schwierigkeiten machen die völlig getrennt verlaufenden Lebensgeschichten, die parallel geführt werden, von denen jedoch jede für sich einen eigenen Film hätte füllen können. Wenn man die Mutter Karens und ihr Schweigen mit einbezieht, werden hier immerhin vier Frauengenerationen verhandelt! Fixpunkt ist allein die kirchliche Adoptionsvermittlung, eine freundliche Schwester, der das Wort Abtreibung natürlich nicht über die Lippen kommt. Als Gegenpol taugt Mike Leighs beeindruckender Adoptionsfilm »Lügen und Geheimnisse« (1996), der auf einer völlig anderen rechtlichen Grundlage basiert und eine junge Frau auf der Suche nach ihrer Mutter begleitet – mit der Adoptionsakte in der Hand. Aber als massive Anklage gegen das amerikanische Adoptionsrecht und seine Schweigepflicht lässt sich der Film nun auch nicht lesen.

Alle bisherigen Filme Garcías waren als »Short Cuts« angelegt, haben bis zu neun Frauengeschichten verwoben, was unsinnigerweise gern damit erklärt wird, dass er schließlich der Sohn des großen Gabriel García Márquez sei. Aber es drängt ihn offenbar zu komplexeren Erzählungen, die auch eine tiefere psychische Auslotung erlauben. Die Darsteller, voran Annette Bening und Naomi Watts, tragen den Film mit einer Leidenschaft, die so etwas wie melodramatische Untertöne völlig verbietet. Die Schlagkraft des Films verdankt sich ihren realistischen Figuren, die das Konstruierte des Plots ganz überspielen. Darüber vergisst man auch die unglückliche Regieentscheidung, die Vorgeschichte der Adoption in Form einer stummen Bildergeschichte als Vorspann zu zeigen und damit ein Stück Spannung (und auch Wahrheit) zu verschenken – wahrscheinlich ein Zugeständnis an Hollywood. Das aber hat dem Film – zuletzt – doch nicht geschadet.

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