Kritik zu Morgen sind wir frei

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Als einen »Prolog zu den Umständen von heute« im Iran will der deutsch-iranische Regisseur Hossein Pourseifi sein Familiendrama verstanden wissen, das an eine folgenschwere Revolution erinnert

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Teheran, Januar 1979: Nach monatelangen Demonstrationen, Streiks und blutigen Auseinandersetzungen verlässt der persische Schah Mohammad Reza Pahlavi sein Land in Richtung Ägypten. In Berlin, Hauptstadt der DDR, fallen sich exilierte iranische Kommunisten in die Arme: »Iran wird ein freies Land sein!« Die verwaschenen Fernsehbilder des aus dem französischen Exil zurückgekehrten Religionsführer Ayatollah Khomeini, die Regisseur und Drehbuchautor Hossein Pourseifi immer wieder in seinen ersten Langspielfilm schneidet, machen aber deutlich, dass die aufgeputschten Massen längst von anderen Interessen gesteuert werden.

»Morgen sind wir frei« erzählt von dem Iraner Omid (Reza Brojerdi), seiner deutschen Frau Beate (Katrin Röver) und der gemeinsamen achtjährigen Tochter Sarah (Luzie Nadjafi), die nach dem Sturz des Schahs die DDR verlassen, um beim Aufbau des Sozialismus im Iran mitzuarbeiten. Das Leben im Iran erweist sich alsbald für alle Beteiligten als Herausforderung. Beate sieht sich, auch in ihrem neuen universitären Umfeld, mit einem archaischen Frauenbild konfrontiert. »Die Männer haben sich nicht geändert wegen der Revolution«, sagt eine von ihrem Mann verprügelte Mitarbeiterin. Zu Hause muss sich Beate mit einer traditionsverbundenen Schwiegermutter auseinandersetzen. Tochter Sarah zeigt sich dagegen als gelehrige Koranschülerin – gemäß den Vorstellungen von Volksbildung, die Khomeini via TV verkündet: »Die Gefahr, die von Universitäten ausgeht, ist größer als die von Streubomben.« Unterdessen beobachtet Omid bei seinen Genossen ein zunehmend taktisches Verhalten, um nicht in die Schusslinie der Revolutionsgarden zu geraten. Im Spannungsfeld der verschiedensten politischen und familiären Erwartungen trifft Omid eine folgenschwere Entscheidung.

»Nach wahren Begebenheiten« setzt Hossein Pourseifi seine Geschichte zusammen, die in groben Zügen die Biografie vieler linker Iraner spiegelt, die unter dem Schah emigrierten, unter dem Mullah-Regime gefoltert und getötet wurden oder sich desillusioniert wieder ins Exil retteten. Pourseifi übersetzt die historische Gemengelage in eine kammerspielartige Konstellation. Der Film bewegt sich fast ausschließlich im familiären Kontext, die revolutionären Ereignisse werden anhand dokumentarischen Materials umrissen.

Durch die Personalisierung der Konflikte gelingt es Pourseifi, die Spannung bis zum Ende hochzuhalten. Diese Typisierung lässt den Film aber auch zu einer Art politischem Lehrstück werden, in dem die Personen exemplarisch für bestimmte weltanschauliche Positionen stehen: für das Bild einer selbstbestimmten Frau wie Beate, für taktischen Opportunismus wie Omids Genossen, für einen kompromisslosen Freiheitskampf wie die junge Studentin, die dafür auf offener Straße ermordet wird, oder für eine menschenverachtende Diktatur wie die Schergen des Regimes. Die Individualität der Personen kommt dabei ein wenig zu kurz, ebenso die Aufklärung über die historischen Hintergründe.

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