Kritik zu Mondomanila

© Rapid Eye Movies

2010
Original-Titel: 
Mondomanila, or: How I Fixed My Hair After a Rather Long Journey
Filmstart in Deutschland: 
29.11.2012
L: 
85 Min
FSK: 
18

Der philippinische Guerilla-Filmemacher Khavn De La Cruz erzählt um die Mitglieder der Jugendgang Paranoid Squad wilde Geschichten aus den Slums von Manila

Bewertung: 3
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Unter Filmhistorikern genießt das Mondo- Genre einen eher zweifelhaften Ruf. Seine Ursprünge liegen im Expeditionsfilm der spätkolonialen Ära, Anfang der 60er Jahre kam er dank Gualtiero Jacopettis Klassiker Mondo Cane zu Bahnhofskinoehren. Der Erfolg von Mondo Cane bereitete gleich einer ganzen Welle von vermeintlichen Dokumentationen über die Gebräuche und Sitten fremder Kulturen den Weg in die Kinos. Die folgenden Jahre sollte der »Mondo«-Film zum festen Repertoir des Exploitationkinos gehören. Es steckt also eine ironische Strategie dahinter, wenn der philippinische Regisseur Khavn De La Cruz seinen neuen Film Mondomanila nennt. Man kann diese Strategie unterschiedlich bewerten: Einerseits zeigt Khavn ganz im »Mondo«-Sinne ein Manila weit unterhalb der Gürtellinie. Es geht um Sex, Drogen, Pädophilie, Gewalt, Armut, Hunger, Dreck und andere Formen der Depravation. Wofür man halt ins Kino geht, um sich auf Kosten anderer zu unterhalten.

Wenn Khavn nun als Einheimischer einen (semifiktiven) Exploitationfilm in den Slums von Manila dreht, steckt dahinter natürlich auch eine Geste der Ermächtigung. Die Betroffenen sollen also selbst über das Leben in den Slums erzählen. Khavn hat einen Teil seiner Schauspieler direkt von der Straße geholt, und einer ist schillernder als der andere: Muse, der kleinwüchsige Eierverkäufer, Ogo X, der einarmige Rapper, Dugyot, ein zwanghafter Masturbierer, der schwule Naty, den sein Vater mit Gewalt zum Mann erziehen will. Oder der spindeldürre Shoeshine-Pablo, ein leidenschaftlicher Brandstifter. Sie gehören zum erweiterten Umfeld der Paranoid Squad, die der Dieb und Junkie Tony D anführt. Dessen kleiner Bruder und ihre Mutter Maria spielen im Laufe des Films noch eine tragende Rolle, aber es ist gar nicht so leicht, eine durchgehende Handlung in Mondomanila zu entdecken. Entscheidender als die Geschichte ist ohnehin die Reibung, die Khavn mit seinen Bildern erzeugt: wenn er durch Schlüssellöcher blickt, sich seinen Figuren im Getümmel der Straßen an die Fersen heftet oder sie direkt in die Kamera sprechen lässt.

So spielt Khavn auch mit den Erwartungen des cinephilen Publikums, für das die Philippinen seit den internationalen Erfolgen von Brillante Mendoza und Lav Diaz längst keinen blinden Fleck auf der Landkarte des Weltkinos mehr darstellen. Formal avanciert ist das Kino Khavns nämlich nicht, der Guerilla-Filmemacher erzählt seine Geschichten von der Straße mit Punk-Attitüde, ohne Sozialromantik oder moralische Einwände. Die Verhältnisse müssen nicht erst thematisiert werden, denn es sind die Verhältnisse, die das Kino von Khavn überhaupt bedingen. Dabei findet er immer wieder bezaubernd surreale Einstellungen, wie sie sich auch ein Alejandro Jodorowsky nicht schöner hätte ausdenken können: eine ansehnliche Platzwunde am Kopf zum Beispiel, aus der eine Kakerlake hervorkriecht.

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