Kritik zu Miles Davis: Birth of the Cool

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Stanley Nelson verlässt sich in seinem Porträt des 1991 verstorbenen Jazztrompeters auf die gängigen Mittel des Dokumentarfilms. Miles Davis war ein Großer seiner Zunft, auch deshalb, weil er sich immer wieder auf Neues eingelassen hat

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Filmfans kennen seinen Namen in erster Linie vom Soundtrack des Debüts von Louis Malle: Für »Fahrstuhl zum Schafott« (1959) schrieb er die Filmmusik; Jahrzehnte später, 1990, war er auf dem Soundtrack von Dennis Hoppers Neo-Noir »The Hot Spot« vertreten und trat im selben Jahr als fiktiver Jazztrompeter in Rolf de Heers »Dingo« vor die Kamera, was er auch schon 1985 in einer Folge der Fernsehserie »Miami Vice« (als Drogenhändler und Zuhälter) gemacht hatte. Für das Kino ist der 1991 im Alter von nur 65 Jahren verstorbene Trompeter Miles Davis also eine periphere Figur; für den Jazz allerdings ganz und gar nicht. Konzentrierte sich der ­Schauspieler Don Cheadle vor vier Jahren in seinem Spielfilm »Miles Ahead« (in dem er selber die Titelrolle übernahm) auf eine kurze Zeitspanne im Leben des späten Miles Davis, so ist der fast zweistündige Dokumentarfilm »Miles Davis: Birth of the Cool«, der jetzt in die deutschen Kinos kommt, umfassender ausgerichtet. Weitgehend chronologisch angelegt, setzt er doch Akzente, die im Einklang stehen mit der bisherigen Arbeit von Regisseur und Produzent Stanley Nelson. Denn der hat sich bereits seit 1999 mit zahlreichen Arbeiten, darunter »Freedom Riders« (2011) mit drei Emmy Awards ausgezeichnet) und »The Black Panthers: Vanguard of the Revolution« (2015), von denen keine in Deutschland gezeigt worden zu sein scheint, als Chronist der afroamerikanischen Geschichte verdient gemacht.

Ausgehend von einem Zwischenfall 1959, bei dem Davis mit rassistischen Polizisten aneinander geriet, entwirft der Film ein Bild von aus berechtigtem Zorn und Verbitterung geborenem schwarzem Selbstbewusstsein. Das hat wiederum seine Entsprechung in der Bereitschaft, fortwährend Neues in sich aufzusaugen und damit auch ein neues Publikum anzusprechen, das zuvor vielleicht nie Jazzmusik gehört hat. Von der Entwicklung in den 60er Jahren, die 1969 in der Fusion von Jazz und Rock mit dem Doppelalbum »Bitches Brew« kulminierte, bis zu späteren Fusionen, die allerdings nicht immer so gelungen waren, spannt sich der Bogen, der dabei immer wieder Miles Davis selber zu Wort kommen lässt, wenn der Schauspieler Carl Lumbly aus dessen Autobiografie rezitiert. Dabei verschweigt der Film nicht die problematischen Seiten von Davis' Persönlichkeit, seine zeitweilige Heroinsucht oder sein Verhalten gegenüber seinen Lebensgefährtinnen. So berichtet Frances Taylor, seine erste Ehefrau, wie sie auf sein Drängen ihre Karriere als Tänzerin abbrach.

»Miles Davis: Birth of the Cool« setzt auf die – gerade in neueren amerikanischen Dokumentarfilmen – dominante Mischung aus oft häppchenweise montierten Interviews (hier vor allem mit Musikern, die zusammen mit ihm spielten, darunter Wayne Shorter, Quincy Jones und Herbie Hancock), teilweise unveröffentlichten Archivaufnahmen, Outtakes von Studiosessions und Fotomaterial. Wie so oft transzendiert aber auch hier die porträtierte Person die Begrenzungen dieser Darstellungsweise.

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