Kritik zu Mein Bruder ist ein Einzelkind

© Kool Filmdistribution

Eine 68er-Komödie aus Italien: Das schwierige Verhältnis zweier Brüder – Faschist der eine, Kommunist der andere –, erzählt über zwei Jahrzehnte hinweg

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Latina – Daniele Luchetti hat den Schauplatz für seinen neuen Film bewusst gewählt. Mussolini ließ die Stadt, südlich von Rom gelegen, aus den ehemaligen Pontinischen Sümpfen stampfen. Ein unsicherer Grund für eine Familie, die in den Wirtschaftswunder- Zeiten Italiens nach Halt und Orientierung sucht. Die kalte, lieblose Architektur unterstreicht es: Hier ist es schwer, ein Gefühl von Heimat herzustellen und Wurzeln zu schlagen. Schon der widersprüchliche, irritierende Filmtitel macht stutzig: Im Gefüge dieser Familie, um die es im Folgenden gehen soll, kann etwas nicht stimmen. Man ist gewarnt.

Wir schreiben das Jahr 1962. Der 13-jährige Accio ist mit dem Begriff »Dickkopf« nur unzureichend beschrieben. Ein wütender, impulsiver Rebell, der alles in Frage stellt und seinem übertriebenen Unrechtsbewusstsein unterordnet. Einer, der keine Auseinandersetzung scheut, dem die Folgen seines aufbrausenden Verhaltens gleichgültig sind. Mit seiner Lust, sich zu entrüsten, stößt er seine Familie immer wieder vor den Kopf. Manchmal belügt er sich auch selbst. Der plötzliche Eifer, mit dem er ein Priesterseminar besucht, verpufft schneller, als es der Mutter (ungemein präsent: Angela Finocchiaro) – endlich mal zur Ruhe gekommen – recht sein kann.

Schwer, so jemanden gernzuhaben. Doch Accios älterer Bruder Manrico (Riccardo Scamarcio), ein attraktiver, intelligenter Mädchenschwarm, versucht es immer wieder – auch wenn er Accio ein ums andere Mal verprügelt. In einer wunderschönen Montage hält Manrico den Kopf seines Bruders unter Wasser. Als er ihn wieder freigibt, ist die Erzählzeit vorgerückt, aus Accio – nun dargestellt von Elio Germano – ist ein junger Mann geworden. Zum Entsetzen der Familie tritt er der faschistischen Partei bei. Der Grund ist ebenso banal wie absurd: Manrico kämpft als kommunistischer Gewerkschafter für die Rechte der Arbeiter in seiner Fabrik. Dem musste Accio etwas völlig anderes entgegensetzen. Damit nicht genug: Der Heißsporn verliebt sich zu allem Überfluss in Manricos neue Freundin, die schöne Francesca (Diane Fleri).

Die Familie als Mikrokosmos eines gespaltenen Landes: Schon in Marco Tullio Giordanas »Die besten Jahre« hatten die Drehbuchautoren Stefano Rulli und Sandro Petraglia zwei Brüder mit gegensätzlichen politischen Überzeugungen beschrieben. Auch hier beweisen sie wieder ihre Fähigkeit, italienische Nachkriegsgeschichte als Folie für die privaten Hoffnungen und Fehler ihrer Helden zu nutzen, verbunden mit einer genauen Beobachtung des Alltagslebens im Italien der sechziger und siebziger Jahre. »Retro-modern« nennt der Kritiker Lee Marshall dieses Subgenre, das jüngere italienische Geschichte für ein zeitgenössisches Publikum aufbereitet.

Dabei hat Daniele Luchetti keinen dezidiert politischen Film machen wollen, die Verknüpfung von Geschichte und Charakter – eine der großen Stärken von »Die besten Jahre« – hat er vernachlässigt. »Mein Bruder ist ein Einzelkind« ist in erster Linie Komödie. Die politischen Ansichten sind hier vor allem Attitüde, ausgesucht, um innerhalb der Familie einen bestimmten Platz einzunehmen. Accio wählt für sich die Faschisten, um gegen den Bruder zu opponieren. Seine Solidarität mit seinen Parteigenossen beschränkt sich denn auch auf Besuche an Mussolinis Grab und kleinere Schlägereien. Wirklich überzeugt ist er nicht. Als ein Prügeltrupp seiner Partei das von seinem Bruder mitorganisierte Solidaritätskonzert für Streikende stört, auf dem auch seine Schwester Cello spielt, erweisen sich die Familienbande als fester als jede Parteisolidarität.

Das mag oberflächlich klingen, ist in der Zeichnung der Figuren aber konsequent. Luchetti geht es um die Studie zweier starker Charaktere, die sich von ihren Gefühlen und Ängsten leiten lassen. Das macht aus »Mein Bruder ist ein Einzelkind« in erster Linie einen großen Schauspielerfilm. Vor allem Elio Germano, soeben in Berlin als »Shooting Star« vorgestellt, überzeugt mit seiner hyperaktiven, nervösen Energie, die seine Schüchternheit, vor allem den Frauen gegenüber, und seinen Humor fast völlig überdeckt. Bewundernswert, wie er den Zuschauer dazu verleitet, bei dieser anstrengenden Nervensäge Warmherzigkeit und Verletzlichkeit zu entdecken.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns