Kritik zu Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

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Philip Gröning widmet seinen neuen Dreistundenfilm einem Geschwisterpaar zwischen Abiturprüfung und transzendentaler Obdachlosigkeit

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Für den Förderantrag muss ein Film genau erklärt werden, damit die Gremien ihn verstehen. Auf der Leinwand ist es die Sache einer bildkräftigen Regie zu zeigen, wie die Figuren zueinander stehen, welche Konflikte sie antreiben. Auch ohne Leitfaden soll sich im Kino erschließen, warum der Zuschauer den übergroßen Schemen da oben Lebenszeit widmen sollte – im Fall von Philip Grönings »Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot« immerhin fast drei Stunden. Der Münchner Regisseur ist für überlange Werke mit meditativem Touch ­bekannt. Auch dieses Stück verdankt sich dem obsessiven Ausdauersport eines penibel geplanten, sechsjährigen Entstehungsprozesses. Auf Wikipedia haben Produktions-Insider lange Ausführungen über die schwierige Dreh­ortsuche, das Szenenbildkonzept einer in Sperrholz nachgebildeten 60er-Jahre-Tankstelle, die Aussaat eines speziellen Hybrid-Korns drum herum und die Wetterlage auf den Höhen der Schwarzwald-Landschaft Baar eingestellt – bedeutungsschwangere Details einer enormen Kunstanstrengung.

Solche Paratexte werten die meisterlichen Intentionen des Autors, Regisseurs, Produzenten und Co-Editors auf, doch hinter dem schweren Geschütz lauert die Angst vor der Prätention dieses Glanzprodukts deutscher Kunstfilm-Kunst. Zu Recht.

Robert und Elena, zwei hagere Teenies, 2013 von der damals 30-jährigen Jung-schriftstellerin Julia Zange und dem sechs Jahre jüngeren Schauspielersohn Josef Mattes verkörpert, machen sich energisch auf den Weg in ein Korn- und Blumenfeld in Sichtweite der nostalgischen Tankstelle. Es ist Sommer, die Landschaft bietet zauberhafte Alpenblicke, die Sonne brennt auf weiße Körper. Sie packen Reclam-Bände und Lernkarten aus, reden über Heideggers »Sein und Zeit« und die Zeit-Philosophie von Augustinus. Elena steht vor der Abi-Prüfung in Philosophie, Robert hat mit der Schule ­gebrochen. 48 Stunden werden sie nicht voneinander loskommen. Die Tankstelle scheint der Familie zu gehören, Kinderbilder und das nassforsche Auftreten des Geschwisterpaars vor den zwei Angestellten sprechen dafür. Mehr Außenwelt gibt es nicht.

Man driftet in angespannte Langeweile. Zwei »schreckliche Kinder«, verloren zwischen Leistungskurs und transzendentaler Obdachlosigkeit, geben sich ihrem steigenden Bierkonsum, entspannenden Pausen in einem Waldsee und anlassloser Gewalt bei fortschreitendem Realitätsverlust hin. Handys existieren in Philip Grönings Weltentwurf ebensowenig wie Essbedürfnisse. Stattdessen eskalieren die üblichen Toilettenszenen, die Eifersuchtsausbrüche Elenas und ihr Wettangebot, vor der Prüfung mit einem beliebigen Tankstellenkunden den ersten Sex zu haben.

Die kaum im Zaum zu haltende inzestuöse Triebdynamik scheint Grönings Thema zu sein. Penetrant voyeuristisch malt die hyperrealistische Kamera nackte schweißige Haut, Pubertätspickel, gegenseitiges Zupfen, Streicheln, Balgen und Schlagen aus. Brutalität nach dem ermüdend bekannten »Natural Born Killers«-Muster lässt die krude Geschichte in einem tomatenroten Blutbad enden. Dass es sich um Zwillinge handelt, tragisch verstrickte natürlich, muss man den Paratexten glauben.

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