Kritik zu Mazel Tov

- kein Trailer -

2009
Original-Titel: 
Mazel Tov
Filmstart in Deutschland: 
24.12.2009
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Sie kommen aus Russland. Sie sind Juden. Sie kommen nach Deutschland. Der neue Dokumentarfilm des Frankfurter Autorenduos Mischka Popp und Thomas Bergmann nähert sich sowjetischen Kriegsveteranen in Deutschland

Bewertung: 4
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Nach dem Zivilisationsbruch des Holocausts wandern Juden wieder nach Deutschland ein. Das ist kein Witz von Woody Allen, und es ist auch keine Selbstverständlichkeit. Doch nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es für viele russische Juden kein Halten mehr. Hunderttausende wanderten aus. Viele kamen nach Deutschland: ein Vertrauensvorschuss. Sie stellten die jüdischen Gemeinden, vor allem in Frankfurt am Main, vor einige Probleme. Mischka Popp und Thomas Bergmann haben sich in ihrem neuen Dokumentarfilm der unerzählten Geschichte dieser Menschen gewidmet. Wer die früheren Arbeiten des renommierten Frankfurter Duos vor Augen hat, kann sich vorstellen, dass es nicht um ein serielles Abfragen von Biografien geht.

Die Kriegsveteranen sind steinalt, und ihre Geschichte ist völlig unbekannt. In ihren ordengeschmückten Uniformen stehen sie vor der Kamera wie Soldatendenkmäler. Ihre beengten Frankfurter Wohnungen sehen aus wie ein konserviertes Stück Russland. Mit Würde und ohne jeglichen Groll berichten sie von ihrem erfolg- und entbehrungsreichen Kampf gegen Hitlers Armeen. Über 100.000 von ihnen wurden die höchstdekorierten Soldaten der Roten Armee. Doch Stalin strich sie aus den Geschichtsbüchern, weil er nicht wollte, dass Juden Helden sind. Auch ihren Glauben durften sie nicht praktizieren und wurden so zwangsweise »jüdische Atheisten«.

Dieser historisch-religiösen Verwerfung spüren Popp und Bergmann nach: »Erst in Deutschland habe ich gelernt, was es heißt, Jude zu sein«, erklärt einer der jüngeren Einwanderer. Das Problem der Identitätsfindung durchzieht den Film auf vielfältige Weise. So sehen wir einmal einen rollenden Tante-Emma- Laden mit russischen Spezialitäten vorfahren. »Die schmecken nicht wirklich gut«, erklärt eine junge jüdische Wissenschaftlerin. Doch der Geschmack dieser russischen Süßwaren rufe das Gefühl aus der Kindheit in ihr wach, als sie mit dem klebrigen Bonbon in der Tasche im Hof stand.

Mit kleinen und kleinsten Geschichten dieser Art leisten Popp und Bergmann einen Beitrag zur jüdischen Erinnerungskultur, die auch die deutsche Geschichtsschreibung um ein unbekanntes Kapitel erweitert. Ihre Gespräche mit russischen Immigranten sind strukturiert wie eine vielstimmige Partitur. Wer ein Ohr dafür hat, kann in diesem fein gesponnenen Geflecht viele verschiedene Themen heraushören. Als Conférencier führt Dalia Moneta, Chefin der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, durch den Film. Popp und Bergmann begleiten sie nach Israel. Der wie ein Bruch erscheinende Ausflug fungiert als thematische Klammer, die all die fragmentarischen Erzählungen und Puzzlestücke in einem symbolischen Zentrum zusammenführt.

Auf eine elegante Kurzformel bringen lässt sich dieser bewusst sperrig konzipierte Film freilich nicht. Was den Zuschauer beeindruckt, ist die patente Tüchtigkeit all dieser Menschen vor der Kamera. Ein älteres Ingenieurpärchen arbeitet mangels geeigneten Jobs in einer Bäckerei. An »Integration« oder »Multikulti « denkt man dabei überhaupt nicht. Es gibt kein Klagen und kein Jammern. Das Credo des Films spricht ein 98-jähriger Kriegsveteran aus. Wenn es schlimm kommt, denkt er sich immer, es könnte ja noch schlimmer kommen: »Ich bin Optimist«. Mazel Tov!

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