Kritik zu Manifesto

© DCM

2015
Original-Titel: 
Manifesto
Filmstart in Deutschland: 
23.11.2017
V: 
L: 
98 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Von der Müllarbeiterin bis zur Wetter­frau: Julian Rosefeldt bringt seine Videoinstallation mit der Manifeste ­lesenden Cate Blanchett in gleich zwölf verschiedenen Rollen ins Kino

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Als ginge es um nicht weniger als um den Untergang der Lehman Brothers erkundigt sich die Nachrichtensprecherin per Liveschaltung bei der Reporterin nach dem Stand der Dinge in Sachen Kunst, insbesondere Konzeptkunst. Hat diese Kulturtechnik überhaupt noch eine Zukunft? So die besorgte Frage. So genau könne man das nicht sagen, antwortet die Reporterin, die sicher nicht ohne Grund im Regen steht. Was, fährt sie fort, unter anderem damit zusammenhänge, dass Kunstkritiker in Geheimsprache sprächen; dann nennt sie ein paar Beispiele. Aha, Danke … und nun zum Wetter.

Die Nachrichtensprecherin und die Reporterin sind zwei von einem guten Dutzend generisch zugespitzer Typen, die in der Arbeit »Manifesto« des renommierten Videokünstlers Julian Rosefeldt von Cate Blanchett dargestellt werden. Womit die markante Australierin einmal mehr ihr bewundernswertes Chamäleon-Talent beweist; »Manifesto« ist also auch ein Fest für eine der wandlungsfähigsten Miminnen der Gegenwart, ein Solo für eine veritable Rampensau, die Blanchett denn auch mit Gusto herauslässt.

Doch freilich sind weder die Befriedigung schauspielerischer Eitelkeit noch das Vergnügen des Publikums an dieser Leistungsschau Ziel und Zweck von »Manifesto«; nichts Geringeres als die nun seinerseits besorgte Frage nach der Bedeutung der Kunst im Leben des Menschen der Gegenwart hat Rosefeldt mit seinem Werk im Sinn. Ein Werk, das ursprünglich für Kunstgalerien konzipiert und dort 2015 auch zu sehen war: in Gestalt von zwölf Monitoren im Raum, die Loops zeigten. In diesen Loops rezitierten die von Blanchett gestalteten unterschiedlichen Figuren aus Manifesten, die von VertreterInnen diverser Kunstströmungen im Lauf des 20. Jahrhunderts verlautbart worden waren. Die Begleitmusik lieferte ein dreizehnter Monitor, der das Abbrennen einer Lunte zeigte.

In der Kinofilmfassung dieser Installation – die, ihren ineinandermontierten Mininarrativen zum Trotz, keine Spielfilmfassung ist – geschieht dies in Kontexten (Settings), in denen diese Manifeste nicht unbedingt zu vermuten sind oder auch nur wahrscheinlich wären: Da ist zum Beispiel die »bible belt«-Mutter, die den Thanks­giving-Truthahn kalt werden lässt, während sie Claes Oldenburgs Pop-Art-Manifest als Tischgebet spricht. Oder die Trauerrednerin, die am offenen Grab mit den Dadaisten das Ende von Logik und Sinn fordert. Da ist die Arbeiterin in der Müllverbrennungsanlage, deren Umgebung im krassen Gegensatz steht zu den Träumen von einer befreiten Architektur, die Gegenstand ihres Textes sind, oder die russische Choreografin, die einer Truppe Revuetänzerinnen den Fluxus einbläut. Was daraus entsteht, sind ungeheuer produktive Reibungen, die den ursprünglichen Sinn der Texte wieder freilegen, das Herzblut sichtbar machen, mit dem sie dermaleinst niedergeschrieben wurden, in der Hoffnung auf die Zukunft, im Bewusstsein der Notwendigkeit von Veränderung. Die Lunte wird auf der Leinwand gezündet, die Explosion aber findet im Kopf der Zuschauerin statt.

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