Kritik zu Los Ángeles

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In seinem mit Laiendarstellern besetzten Debüt lotet US-Autorenfilmer und HFF-München-Absolvent Damian John Harper die Grenze zwischen Genrekino und nuanciert beobachtendem Sozialdrama neu aus

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3 (Stimmen: 3)

Gleich das erste Bild ist eine Ansage. Zu sehen ist – nichts, die Leinwand bleibt schwarz. Ein junger Mann, von dem wir später erfahren, dass es der 17-jährige Mateo ist, wird brutal zusammengeschlagen. Im Nachhinein wird klar, dass er sich dem Aufnahmeritual einer Gang unterzieht. Der Teenager lebt in einem verarmten mexikanischen Landstrich und will wie viele seiner Landsleute in die USA einreisen, nach Los Angeles. Bei der Feldarbeit setzt er seinem kleinen Bruder auseinander, warum das nur über die Mitgliedschaft in einer Gang funktioniere, die grenzüberschreitend Schutz biete.

Filme über Jugendbanden gibt es genug. In seinem autobiografisch angehauchten Kinodebüt wählt der Autorenfilmer Damian John Harper, ein US-Amerikaner, der sich in Mexiko auskennt und in München Film studierte, einen anderen Ansatz. Sein Cast setzt sich aus Laiendarstellern aus einem südmexikanischen Dorf zusammen, die mit dem Regisseur befreundet sind und ihren Alltag in die Rollen einbringen. Diese Form von Authentizität garantiert noch keinen gelungenen Film. Was Los Ángeles auszeichnet, ist Harpers Gratwanderung zwischen Genrefilm und subtil beobachtendem Sozialdrama. Wie schon das erste Bild andeutet, geht es dem Regisseur um die unsichtbare, sprich: jene strukturelle Gewalt, mit der Mateo durch die Aufnahme in die Gang konfrontiert wird.

Mateo Bautista Matías spielt einen jungen Mann, der durch das Initiationsritual in einen Gewissenskonflikt gerät. Um den Respekt des Bandenführers zu erwerben, soll er nicht nur töten. Indem er die eigene Kirche beklaut, wird er von der Dorfgemeinschaft isoliert. Er gerät dadurch in eine fatale Abhängigkeit, die allein dem heimtückischen und bauernschlauen Gangleader Danny (Daniel Bautista) nützt. Diese Aushöhlung des Sozialen durch eine mafiaartige Struktur zeichnet der Film vielstimmig nach. So weiß Mateos Patenonkel Marcos (Marcos ­Rodríguez Ruíz) sehr genau, dass dieser Danny ein Stinkstiefel ist. In der schönsten Szene will Marcos ihn, zunächst höflich, dann mit Nachdruck, aus dem Haus werfen, weil er seine Tochter von dem Ganoven fernhalten will. In diesem Konflikt entpuppt der Pate sich leider als Witzfigur, denn die Frauen im Haushalt nehmen ihn nicht ernst und fallen ihm in den Rücken. Mit ihrem Pragmatismus halten sie zwar den Laden am Laufen, kooperieren aber mit den ungeschriebenen Gesetzen des organisierten Verbrechens.

Diesen Teufelskreis durchbricht der Held, indem er eine Grenze überschreitet. Dabei knallt er nicht, wie im Gangsterfilm üblich, den Bösewicht einfach ab. Mateo wird auf andere Weise zum »Engel«: er besiegt den Dämon, weil er sich auf seine wahren Freunde, den Rückhalt in der sozialen Gemeinschaft, besinnt. Das klingt nicht spektakulär, ist aber sehenswert umgesetzt, die halbdokumentarisch anmutende Handkamera bleibt immer dicht am Geschehen. Obwohl das Spiel der Laiendarsteller bisweilen ein wenig steif wirkt und auch die Dramaturgie sich gelegentlich etwas verirrt, gelingt Harper mit Los Ángeles ein vielversprechendes Debüt.

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