Kritik zu Löwenkäfig

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Der Film des argentinischen Regisseurs Pablo Trapero (»Familia Rodante«) lief im letzten Jahr im Wettbewerb von Cannes. Und wurde nicht zuletzt dank der intensiven Performance seiner Hauptdarstellerin Martina Gusman positiv aufgenommen

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Das Verbrechen am Beginn von »Löwenkäfig« wirkt nicht wie der Spannungsmotor eines Whodunit-Krimis, letztlich bleibt es unaufgeklärt. Es ist der schockartige Anlass für die Verhaftung einer Studentin, die unter dem kalten, aggressiven Reglement des Gefängnisalltags das Weiterleben lernen muss.

Dass sich dieser lastende Prozess zwischen Widerständigkeit und Anpassung über volle fünf Jahre hinzieht, in denen die Justiz nicht in der Lage ist, die Schuld oder Mitschuld der jungen Frau abzuwägen und ein faires Urteil zu sprechen, ist eine deutliche Kritik des argentinischen Regisseurs Pablo Trapero an der Rechtsprechung seines Landes. Doch für diesen Aspekt seiner Geschichte interessiert er sich in seinem Film nicht explizit. Trapero schaudert vielmehr fasziniert vor einem Folgephänomen, nämlich dem Fakt, dass Mütter mit ihren Babys und Kleinkindern im Gefängnis leben. Ein »Löwenkäfig« ist der buntbemalte Trakt inmitten des monströsen Anstaltsareals, in dem Julia (Martina Gusman), die Studentin, einen Sohn zur Welt bringt.

Anfangs wacht Julia – eine auch im Folgenden schwer zugängliche, arrogant wirkende junge Frau – in ihrem Apartment in Blutlachen auf. Der eine Mitbewohner ist erstochen worden, der andere lebensgefährlich verletzt. Ob die Männer ein Paar waren, ob sie mit beiden ein Verhältnis hatte und wer der Vater ihres Kindes ist, bleibt unter den Schuldzuweisungen der beiden Überlebenden unbeantwortet. Traperos Film macht sich in seiner Dramaturgie und Kameraführung jedoch konsequent das subjektive Erleben von Julia zu eigen, so dass ihre Erklärung, sie sei die Zeugin eines Messerkampfes ihrer Freunde gewesen, plausibel klingt und man geneigt ist, sie als Opfer der tragischen Ereignisse zu sehen.

Im Mittelpunkt steht nicht nur Julias Entwicklung, weg von einer permanenten Abwehr der distanzlosen Umgangsformen anderer Insassinnen, heraus aus der Verzweiflung, hin zur tröstlichen Routine und zärtlichen Körperlichkeit in der Pflege ihres Kindes. Vor allem ist da Martha (Laura García), eine indigene Schönheit, Mutter zweier Gefängniskinder und Königin des Löwenkäfigs. Martha und Julia finden als Freundinnen, Vertraute und Liebende zusammen, und wenn ihre Liebesszenen aus diskretem Abstand ins Bild kommen, feiert der Film sie mit einer Aura der Ruhe und Zurückgezogenheit, die dem Lärm, der Enge und Fülle des Gefangenenmilieus entgegensteht. Inmitten des Schlüsselklapperns, hinter vergitterten Laufgängen, in einem wilden WG-Ambiente voller Spielzeug, Wasch- und Kochgeschirr leben die Kinder bis zu ihrem vierten Lebensjahr. In Traperos Film taucht die bürgerliche Mama Julias auf, die selbst ihre Tochter lange vernachlässigte, und setzt alles daran, den kleinen Tomas aus dem Gefängnis zu sich zu holen. Der Kampf gegen die Trennung macht Julia erst zur Heldin ihres Lebens. Sie findet eine Lösung, die »Löwenkäfig«  zu einem genretypischen Ende verhilft.

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