Kritik zu Lifelong – Hayatboyu

© Peripher

2013
Original-Titel: 
Hayatboyu
Filmstart in Deutschland: 
22.05.2014
L: 
102 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der zweite Spielfilm der türkischen Regisseurin Asli Özge erzählt von der Entfremdung eines Ehepaars in sorgfältig komponierten Bildern eines
so luxuriösen wie kalten Wohnhaus

Bewertung: 4
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 1)

Der Film beginnt mit einer Bettszene. Der Mann verschwindet danach sofort unter der Dusche, während die Kamera auf der Frau verharrt, die nicht unbedingt glücklich wirkt. Später sieht man die beiden einmal nebeneinander im Bett liegen, jeder schweigend in seine eigene Lektüre vertieft.

Weitgehend stumm lebt dieses Ehepaar nebeneinander her, die bildende Künstlerin Ela und ihr Mann, der Architekt Can, allerdings in höchst komfortablen Wohnverhältnissen, einem von ihm entworfenen Haus in Istanbul, dessen Rückfront den Blick aufs Meer bietet und das mit seinen großen Glasfronten Offenheit signalisiert, auch innen. Wenn allerdings das Bad vom Schlafzimmer nur durch – durchsichtiges – Glas getrennt ist, dann darf sich der Zuschauer fragen, ob das als Ausdruck eines sehr, sehr engen Verhältnisses der Bewohner konzipiert wurde oder aber exhibitionistischen Ansprüchen genügen soll. Oder gar der Kontrolle dient? Als ein Rückzugsraum jedenfalls kann es so nicht länger fungieren. Mit viel Metall und Glas und mit überwiegend kahlen weißen Wänden hat das Interieur dieses Hauses fast schon etwas Klinisches. Der wiederholte Blick von außen in das Haus hinein, oft in leichter Obersicht, ebenso der mehrfach kurz eingeschnittene Blick in das Treppenhaus, von oben aufgenommen und damit selber in ein Kunstwerk verwandelt, geben diesem Schauplatz durchaus Züge eines Mystery-Stoffes – auch wenn der Zuschauer nicht gleich damit rechnen muss, dass hier ein Mord geschieht wie in Brian De Palmas Body Double, der dafür mit einem ebenso ausgefallenen Wohnhaus aufwartete.

Der zweite Spielfilm (nach dem preisgekrönten Men on the Bridge, 2009) von Asli Özge, entstanden als deutsche Koproduk­tion, erzählt seine Geschichte eher in Andeutungen: Ein mitgehörtes Telefongespräch ihres Mannes lässt in Ela den Verdacht aufkommen, er betrüge sie – was sie nachhaltig verwirrt. Sie steht in der Nacht auf, fängt an, die Waschmaschine vollzustopfen, oder bleibt minutenlang im Auto sitzen, bevor sie aussteigt und das Haus betritt.

Einmal hat sie einen Weinkrampf, später einen körperlichen Zusammenbruch, wo­raufhin sie sich in einer Klinik untersuchen lässt. Es sei nichts Ernstes, diagnostiziert der Arzt, aber ihr Körper gebe ihr Warnsignale. Danach teilt sie ihrem Mann mit, dass sie sich anderswo ein Atelier suchen und ausziehen wolle. Entsprechende Wohnungen besichtigen sie noch gemeinsam und in der letzten Einstellung des Films sieht man sie nebeneinander stehen und aus einem Fenster schauend, aber die Distanz ist expliziter geworden.

Der Film funktioniert als Chronik einer langsamen Entfremdung, die er fast gänzlich in seinen Bildern ausdrückt. Die bestehen überwiegend aus starren Einstellungen, die das Scopeformat zu Tableaus gerinnen lässt. Auch wenn die beiden mit anderen zusammensitzen, etwa im Restaurant, zeigt der Film dies meist in dieser Form, die Distanz oft noch durch den Blick von außen durch eine Fensterscheibe verstärkend. Da kann man schon frösteln.

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