Kritik zu Liebe mich!

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German Mumblecore rules: Philipp Eichholtz porträtiert in seinem Debütfilm eine labile, liebesbedürftige junge Frau in Berlin

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Zu Beginn sehen wir das leinwandgroße Gesicht von Sarah (Lilli Meinhardt). Sie hat gerade die erste Nacht mit ihrem langjährigen besten Freund verbracht und strahlt von innen heraus. Ein wenig zu überschwänglich bringt sie ihm das Frühstück ans Bett, aber dummerweise braucht der Freund erst einmal »ein bisschen Zeit für mich«. Blitze zucken. Augenblicklich ist klar, dass Sarah eine solche Situation nicht zum ersten Mal erlebt. Und wir verstehen auch sofort, dass die liebesbedürftige Göre in puncto Frustrationstoleranz auch diesmal nichts dazulernen wird. Stattdessen bricht sie einen erbitterten Streit vom Zaun, bei dem sie ihren Laptop nach dem Freund wirft. Das Macbook durchschlägt die Fensterscheibe und zerschellt auf dem Bürgersteig: Einen solchen Power-Filmstart hat man lange nicht mehr gesehen.

In seinem Debüt verblüfft Philipp Eichholtz mit dem Porträt einer jungen Frau Anfang zwanzig, die sich selbst permanent im Weg steht. Sarah hofft auf einen Job als Grafikdesignerin. Doch dazu muss sie dringend die Daten von ihrem geschrotteten Mac retten lassen. Kostenpunkt: 2.000 Euro. Glücklicherweise kann sie für gutes Geld vier Monate lang ihre Wohnung vermieten. Ihr Vater, der sie widerwillig aufnimmt, meint nur, dies sei »die Lösung einer Hirnamputierten«. Das klingt hart. Doch die Story, die Eichholtz sympathisch und geradlinig erzählt, gibt dem leidgeprüften Papa (großartig: Peter Trabner) leider recht. 

Sarah redet oft davon, dass sie »endlich Spaß haben« will. Sie lebt die Überzeugung, dass ihr alles zusteht, und zwar ohne Anstrengung hier und jetzt. Dank ihrer aufreizenden Erscheinung trifft sie immer wieder junge Männer, die ihr dabei helfen. Der sympathische Computernerd Oli (Christian Ehrich) karrt ihr sogar ihre Möbel zum Ex, derweil Sarah entspannt Eisessen geht. Doch auch diese Beziehung wird Sarah nach demselben Muster kaputt machen. Der Berliner Alltag, den Eichholtz mit einer gelungenen Mischung aus Glitzer und Tristesse filmt, hat sie wieder. Mit ihrer Off-Stimme, eine Art lyrisches Ich, das aus dem Orbit zu uns zu sprechen scheint, beklagt Sarah, dass sie auch dann einsam ist, wenn sie mit anderen zusammen ist.

Ein Psychiater würde sie als Borderline-Persönlichkeit einstufen oder eine bipolare Störung diagnostizieren. Dieses Schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sein verkörpert Lilli Meinhardt mit furioser Intensität. Gedreht hat Eichholtz die tragikomische Geschichte dieser querköpfigen Lolita nach dem »Sehr guten Manifest« von Axel Ranisch, eine Art "Dogma Reloaded", das aber angenehm undogmatisch daherkommt. Dank eines angeblich nur sechs Seiten langen Drehbuchs bleibt den durchweg guten Akteuren Raum für Improvisation, die diesen Film mit prallem Leben füllt. Laut Vorspann ist der kleine, rotzige Geniestreich »Von Oma gefördert«. Von dieser großmütterlichen Produktionsfirma möchte man mehr sehen.

Meinung zum Thema

Kommentare

Improvisierte Szenen mit Herz und unbedingter Realität - absolut Authentisch.
Ein richtig guter Film mit so vielen Facetten des täglichen Lebens.

Wahnsinnige Story die an eine ergreifenden Achterbahnfahrt erinnert.
Unbedingt zu empfehlen > stürmt die Kinos!

Toller Film!! Und gut gespielt. Endlich mal wieder ein guter deutscher "B-Movie"...

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