Murmelkino made in Germany

»German Mumblecore« – hinter diesem sperrigen Anglizismus steckt der Beweis, dass sich im deutschen Kino etwas tut

Er ist das Etikett für ein Kollektiv junger Filmemacher und Filmemacherinnen, die sich als Gegenpol zur klassischen Berliner Schule verstehen und Improvisation zu ihrer Maxime erklärt haben. Das ist nichts grundsätzlich Neues. Der »Mumblecore« – zu Deutsch etwa »Murmelkino« – ist begrifflich und stilistisch aus den USA importiert. Bereits 2002 lieferte dort Andrew Bujalski mit seinem Debüt Funny Ha Ha den ersten Film dieser Gattung. Seit 2008 sorgen die Improfilme auch in der deutschen Szene für frischen Wind - mehr als zwei Dutzend deutsche Produktionen sind inzwischen entstanden. Wenn auch verhalten – schließlich wird die Zeit noch zeigen müssen, wie nachhaltig der »German Mumblecore« ist – kann mittlerweile von einer Bewegung gesprochen werden. Eine Bewegung, die, wie Urs Spörri vom Deutschen Filmmuseum erklärt, »es verdient, gehört und gesehen zu werden«.

Im Rahmen des Filmz-Festivals Mainz widmete sich ein zweitägiges Filmsymposium dem »German Mumblecore«. In den Filmvorführungen und Podiumsdiskussionen mit den Regisseuren wurde deutlich, dass sich die Improvisation als roter Faden durch alle Produktionssparten zieht. Die Finanzierung wird meist irgendwie per Crowdfunding gestemmt, die Budgets sind gering. Axel Ranisch erklärte augenzwinkernd, sein Film Dicke Mädchen habe nur 512,37 € gekostet. Vor der Kamera haben die Schauspieler freie Hand, sie sind zur Improvisation till death angehalten. Da kann auch mal ein Dialog in die Hose gehen. Die Profis auf dem Gebiet des improvisierten Schauspiels sind Peter Trabner und Heiko Pinkowski, die ihr Können bereits in Filmen von Axel Ranisch, Nico Sommer, Tom Lass (der selbst auch schauspielert) und Aron Lehmann unter Beweis gestellt haben.

Hinsichtlich der Drehbücher erscheinen die Konzepte der Filmemacher wie eine "von-bis-Skala". Angefangen bei Tom Lass, der praktisch ohne Skript arbeitet, über Nico Sommer, der auf eine DIN-A4-Seite mit wenigen Notizen vertraut, bis hin zu Jakob Lass, Axel Ranisch und Aaron Lehmann, die ein Drehbuch haben, das allerdings das Meiste offenlässt und sich jederzeit ändern kann. Dieses lockere Verfahren zwingt auch die Kameraleute zur Improvisation. In den seltensten Fällen wissen sie, was geschehen wird. Gefilmt wird meist mit nur einer Brennweite. Dadurch entsteht der teilweise dokumentarisch wirkende, grobkörnige und nicht selten Handkamera-verwackelte Look der Filme. Nicht umsonst wurden die amerikanischen Vorgänger scherzhaft als »Low-Fi«-Filme bezeichnet. Die Kamera im Mumblecore hat dramaturgische, weniger ästhetische Funktion, soll den Moment festhalten; sie läuft auch bei unsauber gefilmten Szenen weiter, weil die Energie des Spiels sich nur über die Dauer entwickeln kann, so Ranisch. Emotion zählt, nicht technische Perfektion. Hanna Doose erklärte in ihrer Videobotschaft an das Symposiumspublikum, dass eben die Freiheit der Improvisation für das Authentische sorgt. Und doch ist Mumblecore nicht im strengen Sinn realistisch; die Filme sind bisweilen absurd, lassen die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion zerfließen und führen, wie im Falle von Aaron Lehmans Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel oder Isabell Šubas Peter Pan ist tot, auch Metareflexionen über das Filmemachen.

Das dänische »Dogma«-Quartett um Lars von Trier erlegte sich im Manifest von 1995 selbst Regeln auf, die zur Befreiung vom technischen Apparat führten.  Auch die »Mumblecorer« sind derart "emanzipiert" - schon mangels Geld. Lehmann sieht darin den »Motor für die Kreativität«. Eigene Manifeste haben die jungen Wilden auch. Im »Fogma« stellen sich Jakob Lass, Ines Schiller und Golo Schultz gegen Vorgaben, »wie man Filme richtig macht«, Ranisch proklamiert im »Sehr guten Manifest«, das gute Filme nicht viel Geld brauchen. Unabhängig von der konventionellen Filmförderung und ihren Auflagen wollen die Regisseure sein.

Mittlerweile gewannen mehrere Filme Preise auf Festivals. Ranisch wird für seine aktuelle Produktion auf ein »1000 Mal höheres Budget« als noch bei Dicke Mädchen, also knapp eine halbe Million, zurückgreifen können. Es bleibt abzuwarten, wie es mit dem deutschen »Murmelkino« weitergeht, ob es etwa bei steigenden Budgets zu murmeln aufhört. Sam Raimi hat einmal gesagt, je mehr Geld er zur Verfügung habe, desto weniger denke er. Ob sich die Mumblecorer das merken müssen? Wie dem auch sei: spannend und frisch sind die bisher erschienen Filme allemal.

Den zweiten Teil des Symposiums gibt es hier: YouTube

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