Kritik zu Kopf oder Zahl

© Kinostar Filmverleih

Große Pose, nichts dahinter: Der amerikanisch aufgeraute Episodenfi lm zweier Jungfi lmer über die Verderbtheit der Großstadt taugt nicht mal als Trash

Bewertung: 1
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

An Selbstbewusstsein mangelt es den Machern des Films »Kopf oder Zahl« nicht. Der Film, heißt es im Presseheft, sei der erste nach »Gegen die Wand«, »der Missstände wie verfehlte Integrationspolitik und das wachsende soziale Gefälle in Deutschland derart gekonnt auf den Punkt bringt«. Auf den Punkt heißt: in einem Gangsterfilm verhandelt. Die Nacht ist dunkel, die Großstadt ein Moloch, Stare fliegen tief. Das mag von den gewohnten Formen, in denen über die soziale Wirklichkeit in Deutschland erzählt wird, abweichen. Aber das spricht zunächst so wenig für »Kopf oder Zahl« wie das Selbstbewusstsein seiner Macher. Benjamin Eicher und Timo Joh. Mayer, die beiden Regisseure, verweisen auf Filmographien, die nur einem kleinen Kreis von Aficionados etwas sagen werden, denen die Leidenschaft fürs Kino aber unbedingt anzumerken ist.

Diese Leidenschaft beharrt auf Formen, auch wenn sie aus der Mode sind. »Kopf oder Zahl« ist ein Episodenfilm, der in der großstädtischen Nacht disparate Charaktere und Geschichten miteinander verbindet: korrupte Polizisten, dealende Kleingangster, zynische Fernsehmoderatorinnen, illegal lebende Flüchtlinge; die Jagd nach einem Paket Heroin, die Suche nach dem Vater, das Betrogenwerden vom eigenen Mann. In den neunziger Jahren war dieses Erzählmodell der Schicksalsgläubigkeit verbreitet, wobei »Kopf oder Zahl« sich weniger auf deutsche Filme wie Andreas Dresens »Nachtgestalten« bezieht als auf weitaus gewalttätigere amerikanische. Jede Pose, jede Figur, jeder Schauplatz verdankt sich hier einem Kinobild, was zu den Böse-Jungs-Attitüden, auf die mitwirkende Schauspieler wie Claude-Oliver Rudolph, Ralf Richter oder Martin Semmelrogge auch außerhalb des Kinos bedacht sind, ganz gut passt – weil solche Images so lächerlich sind wie die Verpflanzung einer romantischen Vorstellung der Bronx in die Schmuddelecken von Stuttgart.

»Kopf oder Zahl« könnte also akzeptabler Trash sein, denn Trash entsteht nicht nebenbei, sondern ist eben ein Abfallprodukt, das beim Scheitern größter Ambitionen mit besten Absichten produziert wird. Drehbuchzeilen wie »Die Lichter der Großstadt haben auch Milos angezogen, einen Arzt aus Tschetschenien« oder »Das Einzige, was schlimmer ist als ein Beweisstück, ist ein Beweisstück, das reden kann«, scheinen dafür prädestiniert zu sein, die Hypertrophie des Unternehmens zu karikieren und aus dem Film die Parodie dessen zu machen, was er sein möchte. Das hätte einen gewissen Charme.

Der wird dem Film allerdings gründlich ausgetrieben durch die Schlichtheit der Klischees, die hier aufgeboten werden. Frauen sind im Prinzip nur als »Nutten« denkbar, und wenn sie nicht gleich als solche arbeiten, ist das Dekolleté wenigstens weit geöffnet, der Ton ist mitunter rassistisch, die Gewaltdarstellung völlig unreflektiert, Migranten werden als Kriminelle dargestellt. Der Diktion des Presseheftes folgend wären solche Vorwürfe an die Wirklichkeit zu adressieren, die nun mal so ist. Das aber gilt nur für die Wirklichkeit, wie sie sich den »Bild«-Lesern oder »Brisant«-Guckern zeigt.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns