Kritik zu The Kids Are All Right

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Das Außergewöhnliche, ganz normal, oder auch die Normalität, ganz außergewöhnlich – irgendwo dazwischen bewegt sich Lisa Cholodenkos Komödie über zwei Frauen mit zwei Kindern und einem Samenspender

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Das Kino macht sich derzeit verstärkt Gedanken über das moderne Bild der Familie, es spielt alternative Lebensmodelle durch und weicht ganz nebenbei auch die Grenzen zwischen klassischen Familien und ihren schwulen und lesbischen Varianten auf.

Lisa Cholodenko, die selbst in der Beziehung mit einer Frau und einem Kind lebt, ist durch ihre eigenen Erfahrungen besonders wachsam für die Reibungen zwischen traditionellen und modernen Lebensformen, die sie schon in ihren ersten beiden Filmen spielerisch auf die Probe gestellt hat. In »High Art« entstand aus dem opportunistischen Arrangement zwischen zwei Frauen mit größerem Altersunterschied eine echte Liebesgeschichte, und in »Laurel Canyon« kollidierten die konservativen Ansichten einer jungen Frau beim Schwiegermutterantrittsbesuch mit einem fidelen und freizügigen Musiker-Hippiehaushalt. Nach einem ähnlichen Muster geht es jetzt auch in ihrem dritten Spielfilm »The Kids Are All Right« ums Aufeinanderprallen verschiedener Lebensmodelle, wobei sie mit einer betörenden Mischung aus souveräner Lässigkeit und scharfsinnigem Humor die Muster entlarvt, die in allen menschlichen Familienentwürfen walten. Dabei fällt die frappierende Ähnlichkeit zwischen der Regisseurin und ihrem Star Annette Bening auf, die ihrerseits aus persönlichen Gründen einen besonderen Bezug zu unkonventionellen Geschlechterrollen hat, seit sich eines ihrer Kinder einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat.

Eine ganz normale, lockere und harmonische Familie also, Nic und Jules, Joni und Josh, mit dem kleinen Unterschied, dass die Eltern zwei lesbische Frauen sind, die sich einst nacheinander vom selben Samenspender künstlich befruchten ließen. Unruhe kommt in den eingespielten Familienalltag, als Josh (Josh Hutcherson) seine 18-jährige Schwester Joni (Mia Wasikowska) dazu anstiftet, den leiblichen Vater ausfindig zu machen. Als fünftes Rad bringt Paul (Mark Ruffalo) den Familienwagen ins Schlingern, wird aber seinerseits durch den ungewohnten Familienkontakt in seinem Dasein als überzeugter Single erschüttert.

Was folgt, ist eine emotionale Achterbahnfahrt von köstlich peinlichen Situationen und vieldeutigen Dialogen, in deren Verlauf alle Beteiligten neue Gefühle und Konstellationen ausprobieren – Vater- und Muttergefühle, Liebe, Eifersucht und Leidenschaft, zugespitzt dadurch, dass sich Julianne Moores Jules unerwartet zu einer hitzigen Affäre mit Paul hinreißen lässt.

In schwindelerregendem Tempo wechseln die Mitglieder dieses betörenden Ensembles zwischen Leichtfüßigkeit und Tiefgründigkeit, zwischen Verletzlichkeit und Stärke, zwischen Nähe und Fremdheit, zwischen überflutenden Gefühlen und reservierter Verschlossenheit. Allein die Szenen, in denen Nic und Jules vor ihren peinlich berührten Kindern davon erzählen, wie sie sich kennengerlernt haben, oder in der sich Nic und Paul beherzt singend zu ihrer geteilten Liebe zu Morrisons Song »Blue« bekennen, reichen schon, um Heerscharen oberflächlicher und langatmiger romantischer Komödien in ihre Schranken zu verweisen.

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