Kritik zu Julie & Julia

© Sony Pictures

2009
Original-Titel: 
Julie & Julia
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2009
L: 
123 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Rund 60 Jahre und 524 Rezepte liegen zwischen ihnen: Die Komödie nach den Memoiren von Julia Childs »My Life in France« und dem titelgebenden Bestseller von Julie Powell ist ein Paradestück für eine glänzende Meryl Streep

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Julia Child wusste noch nichts von Gender-Debatten und emanzipatorischen Befreiungskämpfen. Als sie 1949 als Frau eines nach Paris versetzten Regierungsbeamten ausgerechnet das Kochen als ihre Berufung erkannte, geschah das vor allem aus Langeweile und einer Leidenschaft für kulinarische Genüsse heraus. Im mondänen Paris der fünfziger Jahre musste sich die Amerikanerin gegen allerlei europäischen Snobismus durchsetzen. Mit Beharrlichkeit und Disziplin erkämpfte sie sich in der Männerwelt der Haute-Cuisine-Köche ihren Platz. Und das, obwohl Child nicht gerade das vorstellte, was man als charmant oder elegant bezeichnen würde. Eigenschaften, die eigentlich zur Grundausstattung aller Pariser Damen mit Aufstiegsabsichten gehören.

Julia Child war so herzlich wie trampelig, neigte zu verstörender Lautbildung bei starken Gefühlsregungen, und man darf vermuten, dass sie einen Händedruck hatte, der es mit dem eines Schlachthofarbeiters aufnehmen konnte. Jedenfalls legt das Meryl Streeps herausragendes Spiel nahe, mit dem sie ihre Heldin, die in den Staaten durch ihre Kochbücher und TV-Sendungen noch zur Legende werden sollte, in den Olymp der hemmungslos laut lachenden, schlagfertigen, furchtlosen und alles andere als zerbrechlichen Leinwandheroinnen hebt. Allein der breite, schwerbeinige Gang, den Streep ihrer Julia liebevoll verpasst hat, ruft schon nach der nächsten Oscar-Nominierung.

Tatsächlich könnte man dieser Julia Child und Stanley Tucci als ihrem dauerverliebten, toleranten Ehemann stundenlang zuschauen. Da will es einem nicht unbedingt in den Kopf, warum Nora Ephrons Komödie auch noch die andere, eben Julie Powell (Amy Adams) braucht, um die Geschichte von der Meisterköchin, die die Raffinesse der französischen Küche für die Ketchup klecksende Masse in den USA zugänglich machte, in die Gegenwart zu wuchten.

Erstaunlicherweise kommt erst mit dieser erzählerischen Symmetrie jene Piefigkeit in den Film, die doch eigentlich in Julia Childs Ära zu gehören scheint. Julie Powell lebt im Jahr 2004 in New York und arbeitet für eine Firma, die sich um Angehörige von 9/11-Opfern kümmert. In einer Mischung aus Burn-out und zwischenmenschlichem Frust stellt sich Powell die Aufgabe, sämtliche Rezepte aus Childs berühmtem Kochbuch »Mastering the Art of French Cooking« innerhalb eines Jahres nachzukochen und dies in einem Blog zu dokumentieren. Damit wird auch sie berühmt. Ob Powells Erfolg an der Wiederentdeckung der Lust am Essen in einer essgestörten Ära liegt oder an den heilenden Kräften eines deliziösen Coq au Vin für eine kränkelnde Ehe? Das Erstere wird leider viel zu wenig ausgebaut und das Letztere lässt einen seltsamen »Mumism«, wie das Phänomen gluckenhaften Machtbewusstseins gerne genannt wird, im Film aufziehen, der jede Inbrunst beim Gemüseputzen und Abschmecken plötzlich schrecklich leer aussehen lässt. Und wenn Julie in Hausmütterchen-Kostümierungen ihre Freunde zum Fünf-Gänge-Menü empfängt, liegt über allen Essensdüften auch der ungebrochene Muff der fünfziger Jahre.

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