Kritik zu John Rabe

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Florian Gallenberger erzählt in Steven-Spielberg-Manier von der selbstlosen Heldentat eines deutschen Kaufmanns und überzeugten Nationalsozialisten in China während der japanischen Eroberung

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Erst Ende der neunziger Jahre, im Nachwehen von Spielbergs »Schindlers Liste«, hat man ihn entdeckt: John Rabe, den »guten Menschen von Nanking«. Dort wurde der Siemens-Manager 1937 zum Helden, weil er eine Schutzzone für die Zivilbevölkerung aufbaute, als die Japaner in die Stadt einfielen. Über 200.000 Chinesen soll er so das Leben gerettet haben. 1938 kehrte Rabe nach Deutschland zurück, wo er versuchte, Hitler auf die Kriegsverbrechen der verbündeten Japaner aufmerksam zu machen. Dafür wurde er kurzzeitig von der Gestapo inhaftiert – obwohl er seit 1934 Mitglied der NSDAP war. Weshalb er wiederum nach dem Krieg zunächst Schwierigkeiten mit der Entnazifizierung hatte. 1950 starb Rabe »verarmt«, wie es heißt, in Berlin. Aufmerksam auf ihn wurde die deutsche Öffentlichkeit erst 1997, als der Schriftsteller Erwin Wickert Rabes Tagebücher herausgab und China seinen Grabstein nach Nanking verfrachten ließ.

Es ist ein Stoff, der zur Verfilmung geradezu herausfordert: Einer, von dem man es eigentlich nicht erwartet, rettet Hunderttausenden das Leben. Man kann es Florian Gallenberger kaum verdenken, dass sein Film sich ganz auf diesen Actionmoment konzentriert: Wir beobachten John Rabes Handeln vom japanischen Bombenangriff auf Nanking bis zu seiner Abreise nach Deutschland ein paar Monate später. Das Davor und das Danach bleibt bis zu den obligatorischen Schrifttafeln am Ende ausgeblendet. Filmisch ist das völlig richtig gedacht: John Rabe muss sich sozusagen vor unseren Augen bewähren.

Da ist am Anfang der sentimental gestimmte Geschäftsmann, der sich nach 26 Jahren in China für die Abreise in die alte Heimat rüstet und dem dieser Schritt merklich schwerfällt, weil er stolz darauf ist, mit Siemens ein Stück deutsche Zivilisation nach China gebracht zu haben, der aber auch Gefallen gefunden hat an der chinesischen Kultur. Ein paar prägnante Szenen stellen seine Zwiespältigkeit heraus: Rabe geriert sich als guter Patriarch, der von seinen chinesischen Arbeitern und Bediensteten geachtet wird, obwohl er von oben herab über deren »typisch chinesische« Unzulänglichkeiten dozieren kann. Seiner Belegschaft hat er den Hitlergruß beigebracht, wenn auch nicht mit letzter Disziplin. Als er sie seinem Nachfolger vorstellt, hebt einer prompt den falschen Arm.

Der Film versucht also redlich, Rabe nicht schon von vorneherein zum Heiligen zu erklären. Doch der Moment, an dem die Zwiespältigkeit dieses stolzen deutschen Freundes der Chinesen in schöne Eindeutigkeit überführt wird, kommt recht bald. Denn was bedeutet schon das bisschen Herrenmenschenattitüde, wenn jemand sich dann, wenn es wirklich darauf ankommt, für diejenigen einsetzt, denen er sich überlegen fühlt? Als die Japaner die Stadt bombardieren, lässt Rabe die Werkstore öffnen und im Hof eine riesige Hakenkreuzfahne aufspannen, auf dass die Verbündeten ihre Bomben woanders platzieren. Das filmische Bild will es so, dass sich die chinesischen Flüchtlinge direkt unter die Fahne kauern – und dem Zuschauer fast die Tränen kommen ob dieses historischen Widerspruchs: ein Hakenkreuz, das Leben rettet.

Diese Art Rührung bestimmt den ganzen Film. John Rabe, dem Ulrich Tukur seinen Macher- und Entertainer-Charme verleiht, hat eben trotz NSDAP-Parteibuch das Herz auf dem rechten Fleck. Die französische Internatsleiterin (Anne Consigny) weiß das von Anfang an, der britische Arzt (Steve Buscemi) muss sich davon erst noch überzeugen. Dem Zuschauer helfen bei der Einordnung zwei weitere Charaktere, die Rabe zur Seite gestellt werden: Auf der einen der Nachfolger aus Deutschland, Werner Fliess (Mathias Herrmann), der nicht nur Rabes Lebenswerk abwickeln will, sondern natürlich auch dagegen ist, die Werkstore für die vorm japanischen Bombenhagel fliehenden Chinesen zu öffnen. Kurzum: der böse Nazi, wie er im Buche steht. Auf der anderen Seite gibt es noch den Diplomaten Georg Rosen (Daniel Brühl), dessen Freundschaft zu Rabe einem möglichen Antisemitismusvorwurf begegnet. Das alles ist aufwendig und packend inszeniert, und nichts daran möchte man als Zuschauer problematisch finden, so froh ist man darüber, dabei sein zu dürfen, wie Rabe zum tausendfachen Lebensretter wird.

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