Kritik zu Jasmin

© Camino

2011
Original-Titel: 
Jasmin
Filmstart in Deutschland: 
14.06.2012
L: 
120 Min
FSK: 
16

Frauen, die ihre Kinder töten, gelten als »Monster«, ihre Tat als »unbegreiflich«. Jan Fehse will das »Unbegreifliche« verstehen; sein Film basiert auf realen Fällen

Bewertung: 4
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Lässt sich wirklich alles erklären? Selbst die Tötung des eigenen Kindes? Jan Fehse versucht es in seinem intensiven, minimalistischen Kammerspiel, das mit einem präzisen Drehbuch überzeugen kann und mit zwei tollen Hauptdarstellerinnen. Anne Schäfer spielt Jasmin, die Mutter, die ihr Kind erstickte und dann sich selbst umbringen wollte. Ganz weich wirkt Jasmins Gesicht und viel zu durchlässig ihre ganze Persönlichkeit für die Rücksichtslosigkeiten dieser Welt. Sie strahlt etwas Kindliches aus: »Ich bin eigentlich ein lebensfroher Mensch«, beginnt sie das Gespräch mit der Psychiaterin Frau Dr. Feldt, die ein Gutachten über Jasmin für die anstehende Gerichtsverhandlung erstellen soll: War Jasmin »schuldfähig«, als sie ihre Tochter tötete? Wiebke Puls verkörpert die Ärztin als streng und beherrscht wirkende Frau, scheinbar das Gegenteil ihrer Patientin. Vier Tage sitzen die Frauen einander bei intensiven Gesprächen gegenüber, belagern und belauern sich, um Jasmins Beweggründe zu verstehen.

Mit sieben Kameras, die parallel liefen, hat Jan Fehse, der ein renommierter Kameramann ist und auch seinen eigenen Film fotografierte, die Wortwechsel aufgezeichnet. So konnten die Schauspielerinnen ganze Sequenzen durchspielen und mit langem Atem Spannung aufbauen wie auf der Bühne. Und dieses Konzept geht auf. Tatsächlich kommen beide Schauspielerinnen vom Theater: Anne Schäfer gehörte unter anderem zum Ensemble des Münchner Residenztheaters; Wiebke Puls war am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, seit 2005 ist sie bei den Münchner Kammerspielen. Und so minimalistisch der Film auch ist – fast alle Szenen spielen in einem schmucklosen Raum der Psychiatrie –, fesselt er den Zuschauer, weil sich die Frauen produktiv aneinander reiben, weil die professionelle Gier der Psychiaterin, tatrelevante Einzelheiten aus Jasmins Leben zu erfahren, bald einem tiefergehenden Interesse und Mitgefühl weicht. Um Jasmin zu verstehen, muss sich auch die Ärztin öffnen und offenbart sogar einige Gemeinsamkeiten mit der Mörderin.

»Es kann jedem passieren«, behauptet Jasmin, und vielleicht ist das auch die Überzeugung des Regisseurs und seines Drehbuchautors Christian Lyra, der viel recherchiert hat für diesen Film, der nun, wie Lyra sagt, auf einer Summe echter Fälle basiere. Dass Jasmins Tat am Ende nachvollziehbar wird, als eine Folge unglücklicher Zufälle, Schicksalsschläge und falscher Entscheidungen erscheint, dass man schließlich sogar das Gefühl glaubt erahnen zu können, das diese Mutter antrieb, ihr Kind in den Tod mitzunehmen – das ist die große Leistung des Films, aber auch sein Manko. Man muss sich nur andere Filme über mörderische Mütter vor Augen führen, um zu verstehen, was hier verloren geht: Aelrun Goettes Dokumentarfilm Die Kinder sind tot (2003) zum Beispiel oder den Dokumentarfilm Ich bin doch keine Mörderin – Der Fall Dennis (2006) von Caterina Woj. Beide Filme beleuchten die Umstände, die dazu führten, dass Mütter ihre Kinder töteten – aber sie bewahren sich auch eine große Scheu und Entsetzen angesichts der Verbrechen. Ein Entsetzen übrigens, das sich auf das Umfeld der »Monstermütter « ausdehnt, auf Menschen, die den Müttern und ihren Kindern in entscheidenden Momenten nicht zu Hilfe kamen.

So wie die Rolle der Jasmin angelegt und mit Anne Schäfer sympathisch besetzt ist, kann in Fehses Film kein Zweifel daran bestehen, dass diese Täterin vor allem selbst Opfer ist. Und diese Annäherung entlastet nicht nur Jasmin selbst, sondern auch die Menschen in deren Umgebung. Die Tat wird ins Harmlose erklärt. Der frühe Tod von Jasmins Vater, der immer wieder als Quelle von Jasmins Unglück genannt wird, lässt die in die Katastrophe führende Kausalkette sogar schicksalhaft erscheinen – so war das von den Filmemachern sicher nicht intendiert.

Bleibt als nachhaltig irritierende Figur die Frau an der anderen Seite des Tisches – Frau Dr. Feldt, die von Wiebke Puls höchst faszinierend und rätselhaft gespielt wird. Von ihr weiß man wenig, aber man traut ihr vieles zu. Wenn sich die Psychiaterin schließlich sogar in den Moment der Kindstötung einfühlen kann, dann ist das vielleicht nur pure Professionalität – womöglich aber hat sie auch eine imaginäre Grenze überschritten und die Mörderin Jasmin besser verstanden, als ihr lieb sein kann.

 

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