Kritik zu Jack

© Camino

Hänsel und Gretel in Berlin: Das Großstadtdrama über zwei kleine Jungs auf der Suche nach ihrer Mutter sorgte bereits als Wettbewerbsfilm auf der diesjährigen Berlinale für Furore

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Der von der Mutter fröhlich hingeworfene Satz »Und, was habt ihr so gemacht?« ist in seiner absichtslosen Grausamkeit der am meisten erschütternde Moment dieses Sozialdramas. Der neunjährige Jack weiß schon vorher, dass sie die Antwort nicht abwarten wird. Das Jammern hat er sich ohnedies abgewöhnt. Stumm und verbissen verfolgt er sein einziges Ziel: seine kleine Familie, zu der neben der alleinerziehenden Mutter Sanne der fünfjährige Bruder Manuel gehört, zusammenzuhalten.

Doch der Junge, tagelang von der Mutter alleingelassen, kann sich beim Kochen, Waschen und Kümmern um den Kleinen noch so sehr anstrengen: Er kriegt es nicht hin. Nach einem Haushaltsunfall wird Jack vom Jugendamt in ein Heim eingewiesen. Anders als versprochen, holt ihn die Mutter in den Ferien nicht ab. Nach einem Vorfall flüchtet Jack zurück in die Stadt. Doch sowohl die Mutter wie der Wohnungsschlüssel sind weg. Jack spürt Manuel bei Sannes Freundin auf und schlägt sich mit ihm drei Tage lang allein durch. Die zwei ernähren sich von Milch- und Zuckertütchen in Stehcafés, schlafen im Parkhaus und klappern auf der Suche nach Mama deren Exfreunde ab.

Auf der Berlinale wurde der jetzt elfjährige Ivo Pietzcker, der als Jack mit dem Brüderchen im Schlepptau durch das sommerliche Berlin hetzt, zur kleinen Sensation. Jack ist das ernsteste Kind, das man seit langer Zeit im Kino gesehen hat. Sein Gesichtsausdruck ist angespannt, seine Segelohren wirken wie Radarschirme, mit denen er den Sinn hinter den Worten der Erwachsenen zu erlauschen versucht. Fast sieht man über seinem konzentrierten Blick den Qualm beim Denken aufsteigen. Wie die Dardenne-Brüder mit Der Junge mit dem Fahrrad und Ursula Meier mit Winterdieb zeichnet Regisseur Edward Berger das ergreifende Porträt eines Jungen, der zwischen dem Bedürfnis nach Geborgenheit und Überlebenswillen seine Wahl treffen und im Zeitraffertempo erwachsen werden muss. Dabei nimmt Berger den abgenutzten Begriff von der »Augenhöhe« wörtlich. Kameramann Jens Harant hat die Odyssee der Kinder aus der Hocke gefilmt. Die Kunst der Inszenierung besteht im Weglassen. So fehlen bekannte Berlin-Schauwerte; stattdessen wirken in den langen Plansequenzen Häuser und Straßen anonym und bedrohlich. Man sieht mit den Augen Jacks die stark befahrenen Straßen, die überquert werden müssen. Und die Tänzer eines Clubs, durch den Jack auf der Suche nach der Mutter irrt, bleiben kopflos. Nur eine Handvoll Musikakkorde akzentuieren besonders emotionale Momente der Verlassenheit.

Vermieden werden auch Klischees des Elendsvoyeurismus, etwa von Plattenbaumilieus oder häuslicher Gewalt, die man mit vernachlässigten Kindern verbindet. Das Heim ist fast idyllisch, die Wohnung ist nicht vermüllt, und die allzu junge Mutter kuschelt überschwänglich mit ihren Kids, wenn sie mal da ist. Jobben, Partys, Männer – man weiß nicht genau, was sie treibt. Es soll auch nicht wichtig sein; der Film enthält sich meist dramatischer Zuspitzungen wie moralischer Wertungen.

Aber man wertet natürlich doch, erkennt mit den Augen eines Erwachsenen, wie schräg das Herumtollen der Mutter ist, die mit ihren Kindern wie mit jungen Kätzchen spielt und sie wieder wegschiebt. Doch wie realistisch ist es, dass die coolen Ex-Lover, die Jack auf seiner Odyssee durch Clubs und Büros trifft, kaum nachfragen, warum die Kinder alleine unterwegs sind? Andererseits wittert der Junge sofort, wenn ihn jemand ausfragen will, um ihn dann womöglich bei der Polizei zu melden – und sucht das Weite. Doch seine entscheidende Würze bekommt der Film, jenseits der trostlosen Muttersuche, durch eine zweite Antriebskraft. Denn Jack begegnet im Heim einem Jungen, dessen wichtigster Besitz ein Fernglas, das Geschenk des verstorbenen Vaters, ist. Die Nebengeschichte rund um das Fernglas, Symbol des Vaterprinzips, zieht sich bis zum Ende durch – bis zu jener grausamen Abnabelung, die Jack mit dem Stoizismus eines Westerncowboys vollzieht.

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