Kritik zu Inuk

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Die kalte Wildnis jenseits des Polarkreises als Hintergrund einer Traumabewältigungsgeschichte, die unterwegs noch Themen wie untergegangene Inuit-Traditionen und Erderwärmung streift

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Unser Gespür für Schnee ist limitiert. »Für uns Inuit«, stellt dagegen hier eingangs eine Frauenstimme fest, »ist ›Eis‹ mehr als ein Wort. Es ist unsere Seele.« Dass es allemal ein fotogenes Landschaftspanorama bietet, illustriert der epische Auftakt zu diesem zeitgenössischen grönländischen Drama. Eine Kleinfamilie, Vater, Mutter, Kind, rast mit ihrem Schlitten durch die weiß schimmernde Wüste. Der Junge Inuk ist krank; die Mutter hält ihn im Arm. Der Vater springt vom Schlitten ab, schlägt mit einem langen Stock kräftig auf das Eis und prüft dessen Stärke. Alles in Ordnung, signalisiert er. Die drei lachen, der Vater macht einen Schritt – und es geschieht ein Unglück. Von dem Vorfall erholen sich Mutter und Sohn nicht. Jahre später in Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, ist aus Inuk ein trotziger Teenager geworden, der sich mit Hip-Hop aus dem Kop reich wohnt, lernte die Gemeinde bei Aufenthalten in Grönland kennen. Zusammen mit dem französischen Anthropologen Jean-Michel Huctin, der ebenfalls einige Jahre in der Region arbeitete, und dem einheimischen Forscher Ole Jørgen Hammeken schrieb er das Drehbuch. Hammeken übernahm zudem die Rolle des Robbenjägers Ikuma, der für Inuk zur Bezugsperson wird. Die Kinder im Jugendzentrum – Realität und Fiktion überschneiden sich – stammen aus schwierigen Verhältnissen. Alkohohl, Gewalt und Orientierungslosigkeit prägen ihr familiäres Umfeld. Die Sozialarbeiterin, mit dem Habitus einer Weisen angelegt, wird dafür sorgen, dass sie zu sich finden und ihren Platz in der Welt einnehmen.

Bei allem Gespür für die Schönheit der grönländischen Naturlandschaft und die Nöte der dort lebenden Menschen greifen Regie und Drehbuch in ihrer lehrhaften Formgebung zu Stereotypen. Die Kamera verharrt stets einen Tick zu lang, um auf zentrale Gesten  und Figuren hinzuweisen. Falls die deutschen Untertitel die Originalfilmsprache Grönländisch adäquat wiedergeben, reihen sich im Drehbuch Glückskeksweisheiten aneinander: »Wir können nur Großes erreichen, wenn wir einander helfen. Es bringt nichts, immer wütend zu sein.« Deplatziert wirkt das Pathos, wenn Ikuma in seiner Küche sitzt und im Voice-over davon die Rede ist, dass das Eis zu ihm spreche und er antworte. Dass alle Beteiligten inklusive des amerikanischen Regisseurs Debütanten auf dem Gebiet der Spielfilmproduktion sind, sieht man. Trotz raunender Tiefgründigkeit vermittelt der Film aber auch Einblick in einen Kulturraum, in dem der Rekurs auf Traditionen zu mehr Wärme führen kann, und sei es durch Tragen »so was von altmodischer« Hosen aus Eisbärenfell statt tomatenroter Freizeitkleidung bei der Jagd.

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