Kritik zu Im Bazar der Geschlechter

© W-film

2009
Original-Titel: 
Im Bazar der Geschlechter
Filmstart in Deutschland: 
04.08.2011
V: 
L: 
85 Min
FSK: 
12

Eine Dokumentation zum Thema »Zeitehe« im Iran, einer ausdrücklich im Koran erlaubten Einrichtung, die einer legalisierten Prostitution sehr nahe kommt. Sudabeh Mortezai befragt Betroffene nach ihren Erfahrungen

Bewertung: 3
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Vor drei Jahren, also vor den mit den Wahlen 2009 einhergehenden Unruhen im Iran, hat die in Deutschland geborene, in Teheran aufgewachsene und heute in Österreich lebende Iranerin Sudabeh Mortezai diese Dokumentation gedreht, die erst jetzt in unsere Kinos kommt. Worum geht es? Drei Protagonisten, eine geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter, ein Junggeselle, der als Taxifahrer arbeitet, und ein junger Mullah sind aufgerufen, sich zur »Zeitehe« zu äußern. Der Film kommt ziemlich schnell zum Thema, in einer Szene, in der eine »Zeitehe« für ein Jahr von einem geschiedenen Mann beim Mullah beantragt, mit fünf Goldmünzen bezahlt und noch mit einem Bakschisch belohnt wird. »Ich gratuliere«, sagt der Mullah zuletzt, der hier als Standesbeamter auftritt und auch weiterhin im Film bemüht ist, den legalen Standpunkt der iranischen Theokratie zu vertreten.

Das kumpaneihafte Lächeln bei allen Beteiligten deutet immer wieder darauf hin, dass es sich um gestellte Szenen handelt, die im wirklichen Leben vielleicht kontroverser und ohne Augenzwinkern ablaufen würden. Damit wird ein laxer Umgang mit der Thematik suggeriert, die im Iran eigentlich ein Tabuthema ist. Frauen halten eine mit »Brautgeld « bezahlte Zeitehe meist vor ihrer Familie geheim, da sie oft bedeutet, dass sie als Mätressen zu den vier zugestandenen Ehefrauen hinzukommen, die das Gesetz sowieso erlaubt. Alles eine Frage des Geldes, denn der Junggeselle kann seinen Sex nur unter dem Deckmantel der Zeitehe realisieren, weil er sich keine Heirat leisten kann. Dass unter dem Schah Zeitehe wie Polygamie verboten wurden und stattdessen die Prostitution erlaubt wurde, fällt in einem Nebensatz. Wie nahe diese Konstruktion einer legalisierten Prostitution kommt, wird nicht verschleiert, genauso wenig, dass der Staat mit dieser Methode eine verbriefte Kontrolle über das Sexleben seiner Bürger praktiziert.

Von den Rechten oder Gefühlen der Frauen ist hier nie die Rede, sondern davon, dass sie – etwa als Geschiedene – wie Freiwild behandelt werden. Der ziemlich liberal wirkende Mullah führt für diese Verhältnisse stolze Worte wie »iranische Kultur« im Mund. Ein junger Mann, der eine Internetseite mit Partnersuchebetreute – die bald gesperrt wurde – sagt zum Schluss den einzig wirklich mutigen Satz des Films: »Das ist keine Kultur, das ist männliche Arroganz.« Nur zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass die sexuelle Praxis junger Leute und einer gebildeten Schicht inzwischen durchaus anders aussieht. Dass die Mehrzahl der Iraner seit dreißig Jahren ein Doppelleben führt und sich irgendwie durchlaviert – das ist die wesentliche Botschaft des Films. Ein Lichtblick sind die Szenen der Frauen unter sich, die erstaunlich offenherzig über ihre »Ehe«-Erlebnisse berichten – unter der Bedingung, dass der Film nicht im Iran gezeigt wird. Wenn zum Schluss eine Gruppe von Freundinnen im Lokal die Wasserpfeife raucht und den Mullah (in Zivil) am Tisch nebenan aufzieht, weht ein Hauch von weiblicher Chuzpe und Selbstbewusstsein durchs Lokal, den der Mullah kurzerhand mit einem: »Jetzt reicht’s. Mach die Kamera aus!« kontert.

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