Kritik zu Idioten der Familie

© Farbfilm Verleih

2018
Original-Titel: 
Idioten der Familie
Filmstart in Deutschland: 
12.09.2019
L: 
102 Min
FSK: 
12

Wer sind hier die »Idioten«? Michael Klier porträtiert vier Geschwister, die ihre jüngste, geistig behinderte Schwester ins Heim geben wollen

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Eine Familienaufstellung. Fünf Geschwister, zwei Frauen, drei Männer, die Jüngste, Ginnie (Lilith Stangenberg), ist geistig behindert und soll ins Heim. Jahrelang hat sich Heli (Jördis Triebel) um ihre kleine Schwester gekümmert, nun will sie ihr eigenes Leben führen. Die Brüder waren in all den Jahren keine Hilfe, jetzt sind sie gekommen, um sich von Ginnie zu verabschieden.

Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederick (Kai Scheve) sind Anfang dreißig bis Anfang vierzig; Durchschnittstypen, die Michael Klier nie bis zur Karikatur oder ins Bösartige überzeichnet. Und doch: Wer sind denn die »Idioten der Familie«? Ginnie kann damit nicht gemeint sein. Klier (»Farland«, »Heidi M.«) skizziert die Porträts von Egozentrikern, bei deren Zusammentreffen alte Rivalitäten und Bündnisse prompt wieder aufbrechen. Die Ka­mera ist beweglich und bei allen Disputen ganz nah dabei.

Frederick, der Älteste, ist ein erfolgreicher Klassikmusiker, Papas Liebling, der mit viel Disziplin dessen Lebensauftrag ausführt. Straighter Hedonismus soll den Spaßverzicht und die innere Leere kompensieren. Wenn Frederick die erste Geige spielt, so spielt Tommy die zweite. Klier lässt die beiden immer wieder zusammen musizieren, es klingt gut, sie ergänzen sich. Tommy ist Jazzmusiker, ein scheinbar lustiger, lockerer Künstlertyp, dessen Leistungsverweigerung einem tiefen Minderwertigkeitskomplex entwächst. Bruno, der Jüngste, ist ein Einzelgänger; im Wettbewerb der Brüder behauptet er sich mit besserwisserischen Moralpredigten.

Wenn Bruno in einem seiner Monologe Solidarität mit den Schwachen in einer überindividualisierten Gesellschaft einfordert, spricht er Klier aus der Seele, das lässt sich im Regiestatement nachlesen. Aber Bruno formuliert das auf eine so unerträgliche, eitle, überhebliche und empathielose Weise, dass sein Vortrag lächerlich und abstoßend wirkt. Wie seltsam (und selbstkritisch), dass Klier ausgerechnet diesen Mann zum Sprachrohr seiner Überzeugungen macht! Aber ein wenig Bruno, Tommy und Frederick steckt schließlich in jedem von uns. Alle drei wollen Ginnie das Heim ersparen, sie streiten. Ob einer der Brüder die Konsequenz zieht, sich um Ginnie kümmern will? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Wenn Frederick und Tommy den »Abschied« in Gustav Mahlers »Lied von der ­Erde« spielen, sind die Geschwister vor allem von sich selbst gerührt. Ginnie hat ihre eigene Musik, einen Popsong, den sie mit ihrem Kassettenrekorder abspielt. Er ist rauh und mitreißend, das Gegenteil von gepflegtem Schmerz.

»Idioten der Familie« überzeugt als Ensemblefilm mit tollen Schauspielern; in seinem Zentrum aber steht Lilith Stangenberg, die Ginnie als unberechenbare, faszinierende Fremde spielt. Schon in »Wild« von Nicolette Krebitz verkörperte sie eine Frau jenseits von sozialen Normen. Gegen die Übergriffigkeiten der Brüder weiß Ginnie sich auch ohne Worte zu wehren. Und sie ist ein sexuelles Wesen, hat einen Freund, mit dem sie schläft. Das provoziert die Geschwister am meisten.

Klier hat lange keinen Kinospielfilm mehr gedreht, der letzte war »Alter und Schönheit« von 2007/08, der eine ähnliche Figurenkonstellation hatte. »Idioten der ­Familie« könnte auch zum Horrorfilm werden, immer wieder schnibbelt Ginnie unheilverheißend mit der Schere an Familienfotos herum. Aber Klier belässt es beim dann doch eher leisen, nur unterschwellig aufwühlenden Kammerspiel. Lediglich ein kurzer Ausbruch Ginnies führt ins Freie. Tommy trägt sie danach auf seinem Rücken zurück ins Haus, ein inniges Bild – kann es doch ein Miteinander geben? Aber so leicht lässt sich Ginnie in die bürgerliche Ordnung nicht eingliedern.

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