Kritik zu Ich darf nicht schlafen

© Sony Pictures

Nicole Kidman als Frau ohne Gedächtnis, aber mit dunklen Ahnungen: Der britische Drehbuchautor Rowan Joffe hat in seiner zweiten Regiearbeit (nach Brighton Rock) einen Roman von S. J. Watson verfilmt

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Die Bilder sind verschwommen, ein Blick wie vom Grund eines Gewässers hoch zur Oberfläche, wo vielleicht jemand schwimmt. Dann Dunkel und ein Geräusch, als ob jemand aus der Tiefe des Wassers auftaucht, gerade noch rechtzeitig. Das ist der Moment, in dem Christine aus dem Schlaf erwacht.

So geht es seit zehn Jahren Morgen für Morgen. Der Schlaf, aus dem die von Nicole Kidman gespielte Frau an die Oberfläche der Wirklichkeit zurückkehrt, hat alles gelöscht, was zuvor war. Im Augenblick des Erwachens kennt sie weder ihren eigenen Namen noch den Mann, der neben ihr liegt. Zehn Jahre zuvor wurde sie von einem Unbekannten fast zu Tode geprügelt und dann einfach auf einem Industriegelände abgelegt.

Seither leidet Christine an anterograder Amnesie: Alles, was sie innerhalb eines Tages erlebt, ist am nächsten wieder ausgelöscht. Ihr sich liebevoll um sie sorgender Mann Ben (Colin Firth) scheint sich damit abgefunden zu haben. Aber Christine wird das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt. Also trifft sie sich heimlich mit dem Neuropsychologen Dr. Nash (Mark Strong).

Die schemenhaften Bilder aus Christines Träumen. Die seltsam leeren Straßen, durch die sie zusammen mit Dr. Nash fährt. Bens meist zärtliche, manchmal aber auch undurchdringliche Blicke. Und schließlich das schicke, aber irgendwie tote Vorstadthaus, in dem Christine und Ben leben. Kleine verstörende Details, die sich wie verstreute Puz­zlestücke zu einem Bild zusammenfügen, das zu viele Lücken hat. Aber genau darum geht es Rowan Joffe in seiner Verfilmung von S. J. Watsons gleichnamigem Roman.

Immer fehlt etwas, so wie Christine die Erinnerung fehlt. Der Psychothriller, den Joffe in Szene setzt, wird dabei durchlässig für andere Genres. Manchmal glaubt man fast, das alles ist ein Irrtum. Dann wäre Ich darf nicht schlafen ein bizarrer Liebesfilm und eine wunderliche Hommage an Michelangelo Antonioni, der einst die Leere des modernen Lebens in unvergesslichen Kinobildern eingefangen hat. Und tatsächlich erinnert die innerlich zerrissene Nicole Kidman, die ständig zwischen Sehnsucht und Furcht, Innigkeit und Argwohn hin und her pendelt, ein wenig an Monica Vitti: eine atemberaubende Leerstelle, ein Rätsel, das sich selbst fremd geworden ist. Colin Firth und Mark Strong wären dann Wiedergänger von Marcello Mastroianni und Alain Delon.

Doch, und an dieser Stelle sollte nur weiterlesen, wer den Film schon kennt, Joffes Plädoyer für die Kleinfamilie könnte kaum weiter von Antonionis Blick auf die Welt entfernt sein. Bei Joffe behält der Thriller die Oberhand und mit ihm eine erzreaktionäre Moral. Die Gewalt, die Christine erlitten hat, der zehnjährige Verlust von Gedächtnis und Identität, erweist sich als Folge ihrer Untreue und zugleich ihre Strafe. Aus dem modernistischen Vexierspiel wird damit eine weitere »verhängnisvolle Affäre« mit vertauschten Geschlechterrollen.

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Unglaulich! Atemberaubend! Extreme Dichte, die sich Mosaikstein für Mosaikstein bis zum überraschenden Schluß entschlüsselt. Ein Roman erster Güte! Faszinierende Idee! Klasse!

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