Kritik zu Holidays by the Sea

Für seine zweite Langfilmregie begibt sich der gefeierte Comic-Autor Pascal Rabaté auf die Spuren von Jacques Tati und seinem Monsieur Hulot und bemüht sich, deren Ferienimpressionen ein zeitgenössisches Flair zu verleihen

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Während der Verfilmung seines Albums »Bäche und Flüsse« machte der Comiczeichner Pascal Rabaté vor einigen Jahren eine Entdeckung, die ihn nachhaltig beschäftigte. Er stellte fest, dass die Pausen und Atemgeräusche, die sein Hauptdarsteller Daniel Prévost vor die Dialoge setzte, oft viel interessanter waren als die Worte selbst. Wann immer es möglich war, ließ er die Dialoge beim Schnitt fort und vertraute auf die stille Beredtheit seines Minenspiels.

Aus dieser Erkenntnis hat er nun eine leidlich radikale Konsequenz gezogen: Sein zweiter Langfilm kommt ganz ohne Dialoge aus, die menschliche Stimme ist hier nur ein Geräusch unter vielen. Von seinen Darstellern verlangt der Autor mithin vor allem pantomimische Inbrunst. Einer der schönsten Gags beruht allerdings auf der Sprache: Ein älteres Ehepaar fügt beim Scrabble zielstrebig Worte der Zärtlichkeit und Liebe zusammen, bis der Mann seine Frau enttäuscht, als er sich einmal statt des naheliegenden »caresse« (Streicheln) überraschend für »paresse« (Faulheit) entscheidet. Der Müßiggang ist allerdings auch das Thema des Films, der fünf Geschichten über Kreuz erzählt, die sich an einem Wochenende in einem beinahe schon ausgestorbenen Ferienort am Atlantik zutragen.

Schauplatz und Struktur dieses kleinen Erzählpanoramas erinnern nicht von ungefähr an Die Ferien des Monsieur Hulot. Seine Comicalben empfehlen Rabaté zweifellos für eine solche Epigonenschaft. Ebenso wie Jacques Tati schöpft er Humor vorzugsweise aus trivialen Situationen in ländlichem Ambiente. Er hat sich seinen Namen gemacht mit gemütvollen Erkundungen des Milieus der »einfachen« Leute. Er betrachtet sie auf satirischer Augenhöhe; wie Tati ist er ein schelmischer Verwerter des Menschlichen; auch Rabatés Spott ist demokratisch verteilt – für jede Figur findet er ein angemessenes Missgeschick. Stilistisch geht er jedoch andere Wege als Tati, bei dem sich die Komik am zuverlässigsten in der Totalen entfaltet. Rabaté rückt seinen Figuren näher auf die Pelle, wobei es ihm bisweilen mächtig an Gespür für espritvollen Rhythmus gebricht.

Obwohl die Schauspieler sich der Herausforderung des Schweigens mit einigem Elan stellen – die Liebesgeschichte zwischen Jacques Gamblin und Maria de Medeiros besitzt einen gewissen ironischen Zauber und Jean- Pierre Jeunets Lieblingsdarsteller Dominique Pinon hat genau das richtige Knautschgesicht für eine solch burleske Eskapade –, kann der Film sich aus dem Korsett seines Vorhabens nicht wirklich befreien. Slapstick funktioniert, zumal bei Tati, nur dank sozialer und sittlicher Übereinkünfte, die heute längst keine Gültigkeit mehr besitzen. Die Figur des dirigistischen Kleinbürgers, dessen gut gedrillte Familie das Zelt ohne Protest aufbaut, wirkt dann doch so, als sei sie aus einer anderen Epoche in die Gegenwart hinübergeweht. Insgeheim würde der Film wohl gern die Triftigkeit einer soziologischen Studie besitzen: Schließlich hat man sich selten so wenig zu sagen wie im Urlaub. So entmutigend war die Wortlosigkeit während der Ferien des Monsieur Hulot jedenfalls noch nicht.

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