Kritik zu High Fidelity

© Buena Vista

Stephen Frears' turbulente Komödie über Männer und ihre Top Five

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Nick Hornby gehört zu den Schriftstellern, die man auch über so etwas Profanes wie Fußball fragen kann. Schon bei der letzten Europameisterschaft hat er seine Abneigung gegen »seine« Nationalmannschaft, die englische, verlauten lassen, aber auch die Deutschen mag er nicht, weil sie schlecht spielen und es doch irgendwie hinkriegen. Nick Hornby ist – seit wohl 32 Jahren – Fan des Londoner Vereins Arsenal, von dem manche nicht einmal wissen, dass er 1989 Meister auf der Insel wurde. Über seine Treue zu Arsenal hat der ehemalige Lehrer Hornby 1992 ein Buch geschrieben: »Fever Pitch«, dessen Verfilmung es immerhin auch in unsere Kinos schaffte. Wahrscheinlich sind die mittlerweile drei Bücher von Hornby ein ganz spezieller Fall für eine maskuline Leserschaft, geht es in ihnen doch um die drei wichtigsten Dinge im Leben eines Mannes: Fußball, Musik und Frauen. Wobei die Reihenfolge nicht wertend gemeint ist.

Musik und Frauen: das ist das Thema von »High Fidelity«, Hornbys zweitem Roman. Erzählt aus der Perspektive von Rob Gordon, einem Mittdreißiger, beginnt er mit einem Verlust: Seine Freundin Laura ist ausgezogen. Rob ist stolzer Besitzer eines Schallplattenladens namens »Championship Vinyl«, in den sich aber nur wenige Freaks verirren und »normale« Kundschaft üblicherweise hinausgeekelt wird, wenn sie z.B. Stevie Wonder sucht. »Championship Vinyl« ist ein Insider-Laden, ziemlich retro, und für seine beiden Angestellten, die auch schon die 30 überschritten haben, scheint der Laden so etwas wie eine zweite Heimat zu sein – wenn nicht gar die erste. Der eine, Dick, ist eher introvertiert, der andere, Barry, schlicht und ergreifend laut (»Er macht dieses Gitarrengeräusch, das alle kleinen Jungs machen, das, bei dem man die Lippen schürzt, die Zähne zusammenpresst und 'DA-DA!' macht. Barry ist 33 Jahre alt.«). Die drei lieben es, wie ihr Autor übrigens auch, sich Listen auszudenken, die All-Time Top Five der besten Bands etwa (Madness steht auf Platz 1), die Top Five der besten Plattenanfänge (beginnt mit »Janie Jones« auf »The Clash«) oder die Top Five der besten Filme (immerhin »Wuthering Heights« auf Platz 5).

Nach Lauras Weggang hängt Rob ziemlich durch. Er stellt gleich eine Top-Five-Liste seiner unvergesslichsten Trennungen auf und sortiert seine Plattensammlung neu, nicht alphabetisch oder chronologisch, sondern nach ihren autobiografischen Bezügen. Gleichzeitig ist Rob von heftigen virilen Selbstzweifeln geplagt, ist Laura doch zu seinem ehemaligen Nachbar gezogen, dessen Standfestigkeit in erotischer Hinsicht (»Ejakulationshemmung«, meint Rob jetzt) Laura und er ein ums andere Mal mithören mussten. Man merkt ziemlich schnell: dieser Rob ist nicht sonderlich erwachsen (keiner der Helden in den drei Romanen von Hornby ist es), und er hat seinen Platz im Leben noch nicht so recht gefunden. Eine provisorische Existenz gewissermaßen, ein Mensch dazwischen: kein Achtundsechziger, aber auch kein leichtlebiger Yuppie. Sie beide würden nicht weiterkommen und er sei in seiner Entwicklung stehen geblieben, sagt Laura einmal zu Rob – und man nimmt es ihr ab.

Wie kann man Nick Hornby verfilmen? Wer einmal »High Fidelity« gelesen hat, weiß, dass es ein einziger innerer Monolog ist, ein sprudelnder Strom aus Räsonnement und Handlung, in dem die Zeit-Ebenen springen und bei dem der Text in Klammern manchmal wichtiger ist als die äußere Action. Nun, die Drehbuchautoren (D.V. DeVincentis, Steve Pink, John Cusack und Scott Rosenberg) haben es mit einem genial einfachen Kunstgriff gelöst: Rob wendet sich an den Zuschauer und spricht in die Kamera. Das ist gewöhnungsbedürftig (aber man gewöhnt sich daran!), gibt aber die Möglichkeit, viele Passagen aus dem Buch wortwörtlich zu übernehmen. Und Frears nutzt sie zu unvorhergesehenen Sprüngen und Kommentaren und verleiht so mit diesem verpönten Trick dem Film Drive und Groove. Frears und seine Drehbuchautoren haben noch eine weitere gravierende Änderung eingefügt: Sie haben den Schauplatz von London nach Chicago verlegt und dadurch Atmosphäre, aber auch die musikalische Grundstimmung gewechselt, die sich gewissermaßen von Elvis Costello zu Bruce Springsteen verschoben hat. Der »Boss« hat übrigens einen kleinen Auftritt und gibt Rob gute Ratschläge, so wie es Humphrey Bogart Woody Allen gegenüber in »Play It Again, Sam« getan hat. Aber auch durch die Verlegung gewinnt der Film nur und bekommt etwas Universelles.

John Cusack ist die perfekte Verkörperung von Rob, ein bisschen hip, ein bisschen arrogant, aber auch melancholisch, ein Mann, der manchmal genau weiß, was er will und doch oft auch wie ein Verlierer wirkt, ein überdurchschnittlicher Durchschnittsmensch eben. Genau wie Rob ist auch der Rest des Ensembles hervorragend besetzt. Todd Louiso und Jack Black als seine beiden Angestellten zaubern ein bisschen »Clerks«-Atmosphäre in den Film, und Iben Hjejle (man kennt sie aus »Mifune«) gelingt es, dass Laura – in einem Männerfilm – durchaus ernst genommen wird und Konturen besitzt. Weil Springsteen Rob den Rat gegeben hat, zur Überwindung seiner Krise sich bei seinen Verflossenen zu melden, gibt es anhand der Top Five der Trennungen Rückblenden und Cameos von Catherine Zeta-Jones als trendige Intellektuellen-Single und von Lili Taylor als manisch-depressive Einsame. Cusack schafft es auch, dass man ihm in den Rückblenden den Collegeboy abnimmt.

Nach seinem mythenschwerenen Ausflug in die Weiten des amerikanischen Westens mit »The Hi-Lo Country« knüpft Stephen Frears mit »High Fidelity« wieder an Filme wie »The Snapper« und »The Van« an, beide übrigens auch entstanden nach literarischen Vorlagen (Roddy Doyle). »High Fidelity« ist zwar alles andere als eine Komödie mit klar umrissenem sozialen Hintergrund, aber er besitzt jene Warmherzigkeit seinen Figuren gegenüber, die auch die anderen beiden Filme auszeichnete. Und bei Rob gelingt Frears gewissermaßen der Woody-Allen-Effekt: Er nervt mitunter, und wir mögen ihn trotzdem.

Am Ende kommen sich Laura und Rob wieder näher. Weil Rob zur Beerdigung von Lauras Vater gekommen ist und ein bisschen Verantwortung gezeigt hat. Aber schwebt nicht die Musik selbst wie ein Damoklesschwert über den beiden? Denn Rob weiß, dass »es Unsinn ist, zu behaupten, eine Beziehung hätte Zukunft, solange die Plattensammlungen ganz und gar nicht harmonieren.«

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