Kritik zu Helmut Newton: The Bad and the Beautiful

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Gero von Boehm lässt vor allem ehemalige Models wie Nadja Auermann, Claudia Schiffer und Charlotte Rampling von ihrer Arbeit mit dem Fotografen erzählen und schafft so ein wunderbar streitbares Porträt

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Heute würde man ihn und sein Werk »problematisch« nennen. Was keineswegs bedeutet, dass die Fotografien von Helmut Newton früher nicht auch schon provozierten. Im Gegenteil. Schließlich war es sein legendäres »Grace Jones in Ketten«-Cover-Bild für den »Stern«, das 1978 den Auslöser für die sogenannte Sexismus-Klage bildete. Eine Gruppe von prominenten Feministinnen wollte dem »Stern« die herabwürdigende Darstellung von Frauen untersagen. Sie hatten keinen Erfolg damit. Helmut Newton selbst ließ diese Art von Kritik mit der Pose des Missverstandenen an sich abgleiten. »Ich liebe doch nichts mehr als die Frauen!«, verteidigt er sich in Bernard Pivots Talkshow »Apostrophes« 1979. Gero von Boehm zeigt den entsprechenden Ausschnitt in seinem Dokumentarfilm »Helmut Newton – The Bad and the Beautiful«. In der Rolle der Kritikerin sieht man dort auch eine flüssig französisch parlierende Susan Sontag, die schlagfertig antwortet, dass viele Frauenfeinde sagen, sie würden die Frauen lieben. Sie halte sein Werk trotzdem für zutiefst misogyn.

Auch Grace Jones kommt in Gero von Boehms Film zu Wort. Sie erzählt, wie das damals war, als sie für Newton posierte. Ihre Stimme ist voll Wärme, Begeisterung und Humor – man meint direkt herauszuhören, dass ihr das Newton'sche Spiel mit den Posen des Sadomasochismus Vergnügen bereitet hat. Und im Widerschein ihres Vergnügens bekommen Newtons Bilder einen subversiven Zug, der heute vielleicht sichtbarer ist als damals. In all ihrer Hochglanzkünstlichkeit stellen die Fotos die misogynen Züge von Mode und Medien doch eher aus, als dass sie sie propagieren. 

Neben Jones gibt es in »The Bad and the Beautiful« auch noch Interviews mit Isabella Rossellini, Hanna Schygulla, Charlotte Rampling, Marianne Faithfull, Claudia Schiffer und Nadja Auermann. Es kommen auch »Vogue«-Chefredakteurin Anna Wintour und Newtons Ehefrau June zu Wort. Mit anderen Worten: Für einen Film über einen männlichen Künstler ist das ein ziemlicher Überhang an weiblichen Stimmen. Zwar stellt sich keine davon so kritisch zu Newton wie Susan Sontag – schließlich haben alle Genannten mit großem Erfolg auch für ihre eigenen Karrieren mit ihm zusammengearbeitet –, aber sie bilden mehr als nur einen Chor von Bewunderinnen. In jeder Erzählung kommt auf subtile Weise eine andere Facette von Newton zutage, sei es seine Verspieltheit, seine Lust am Risiko, sein Hang zum schlechten Geschmack. Und immer wieder die Komplizenschaft zwischen Model und Fotograf: Er hat sie dazu angeregt, mehr zu wagen; sie haben es nicht als Nötigung, sondern als Befreiung empfunden.

So viel geht es in der ersten Hälfte um die Kontroversen, die Newtons Bilder auslösten, dass die Person des Fotografen fast zur Nebensache wird. Erst spät wendet sich der Film der Biografie des Mannes zu, der 1920 in Berlin als Sohn jüdischer Eltern zur Welt kam. In Archivschnipseln, darunter ein späterer Spaziergang an den Stätten seines Aufwachsens, hört man Newton von seinem Lebensweg erzählen, in knappen Worten, die eine eigene Distanz markieren zu dem offenbar verwöhnten jungen Mann im Berlin der 30er Jahre. Er ging bei der Fotografin Yva in die Lehre; als sie, ebenfalls jüdischer Herkunft, 1938 ihr Atelier schließen musste, verließ Helmut das Land Richtung Singapur und später Australien. Dass Yva im Vernichtungslager Sobibor umgebracht wurde, habe er erst viel später erfahren.

Man merkt, dass das noch einmal ein ganz eigener Film hätte werden können: Helmut Newton und sein Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Vergangenheit. Was steckt hinter der Nonchalance, mit der er auf den Vorwurf, seine Bilder seien von Leni Riefenstahls Ästhetik beeinflusst, entgegnet: »Ich bin in der Zeit aufgewachsen, natürlich hat mich das geprägt!« Mit anderen Worten, »The Bad and the Beautiful« ist so interessant, dass er die Lust auf ein Sequel weckt.

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