Kritik zu Heimsuchung
Volker Schlöndorff adaptiert Jenny Erpenbecks zum Schulstoff erhobenen Roman ganz im Sinn der Vorlage: als Erzählung mit einem Haus als zentralem Protagonisten, das die Verwerfungen deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts passiv miterlebt.
Unter den deutschen Regisseuren ragt Volker Schlöndorff nicht nur als Autorenfilmer mit einer der längsten, konstant aktiven Karrieren heraus, sondern mehr noch für sein dezidiertes Interesse an der deutschen Literatur. Kein anderer hat so konsequent und mutig wichtige Werke vor allem auch der Gegenwartsliteratur verfilmt wie Schlöndorff. Von »Der junge Törless« (Musil, 1966) über »Michael Kohlhaas« (Kleist, 1969), »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« (Böll, 1975) und »Die Blechtrommel« (Grass, 1979) bis zu »Homo Faber« (Frisch, 1991). Und nun also »Heimsuchung «, Jenny Erpenbecks mehrfach ausgezeichneter Roman aus dem Jahr 2007, der seinen Weg als Pflichtlektüre an die Schulen gefunden hat und jüngst als länderübergreifendes Abiturthema für die Jahre 2026-28 festgelegt wurde.
Die Idee, »Heimsuchung« auf die Leinwand zu bringen, hatte Schlöndorff allerdings schon einige Zeit, bevor der Roman auf diese Weise Furore machte. Man muss das im Kopf behalten, weil der Vergleich mit Mascha Schilinskis »In die Sonne schauen« (2025) sich aufdrängt. Beide Filme bilden ein Jahrhundert deutscher Geschichte mit einem wechselnden Ensemble und in verschiedenen Zeitabschnitten ab und stellen statt einzelner Figuren ein Haus ins Zentrum der Erzählung, das auf diese Weise zum Protagonisten wird. Abgesehen davon, dass Letzteres ein in den letzten Jahren besonders populär gewordenes Konzept ist – siehe auch Joachim Triers »Sentimental Value« –, besitzen Schlöndorffs Adaption und Schilinskis Originalfilm bei näherer Betrachtung nur wenig echte Parallelen. Wie bei fast allen seiner Literaturverfilmungen hat Schlöndorff auch das Drehbuch selbst verfasst. Es ist eine dem Geist des Romans sehr treue Adaption geworden, die auf ökonomische Weise die Handlung strafft, ohne Wesentliches auszulassen.
Am Anfang steht die Geschichte des Grundstücks. Detlev Buck spielt den Großbauern, der seine Tochter Clara enterbt, als diese unehelich schwanger wird, und das Wäldchen, das er ihr vererben wollte, kurzerhand verkauft. Einer der Käufer ist ein Architekt (Lars Eidinger) aus dem nahen Berlin, der auf dem Seegrundstück ein Sommerhaus bauen will, in dem der Geschiedene mit seiner zweiten Ehefrau (Susanne Wolff ) ein neues Leben beginnen möchte. Der andere Teil des Grundstücks, auf dem ein kleineres Badehaus steht, geht schließlich an die Familie eines jüdischen Tuchfabrikanten (Ulrich Matthes).
Der Abschnitt, der sich um die parallelen und doch völlig gegensätzlichen Schicksale dieser zwei Familien dreht, ist zweifellos das Herzstück des Romans und eben auch des Films. Eidinger gibt der Rolle seines opportunistischen Aufsteigers jene Schmierigkeit, auf die der Schauspieler inzwischen spezialisiert ist. Susanne Wolff als zuerst naive, zweite Frau, die sich nicht zuletzt durch das Erlebnis der sowjetischen Besatzung vom eigenen Mann und vom Umfeld entfremdet, prägt sich nachhaltig ein.
Wie Schlöndorff mit der Geschichte der benachbarten jüdischen Familie umgeht, übertrifft fast noch den Roman. In lauter sprechenden Details macht der Film die zunehmend prekäre Stellung der Familie deutlich. Den Verlust an Privilegien und Komfort etwa, der der Internierung und Verschleppung vorausgeht, den desinteressierten Nachbarn aber verborgen bleibt. Erst später findet jemand die Briefe, die die kleine Doris an den verhafteten Vater schrieb, die aber nie abgesendet wurden und stattdessen als Knäuel in einem Möbelstück überdauerten. Die Momente, in denen das Mädchen zusammen mit seiner Mutter ins Warschauer Ghetto abtransportiert wird, sind die einzigen, in denen der Film seinen idyllischen Schauplatz am See in Brandenburg verlässt.
Nach dem Krieg bekommen eine Schriftstellerin (Martina Gedeck) und ihr Mann (Michael Maertens) das Haus am See zugesprochen. In der neu gegründeten DDR gehören sie als Kommunisten zur Elite. Sie sind sich, das offenbart besonders Martina Gedeck mit gekonnter Sprödigkeit, jedoch nur allzu bewusst, dass sie das Moskauer Exil nicht etwa als Widerstandskämpfer, sondern durch Anpassung ans Stalin’sche Regime überleben konnten. Als Erzählerin aus dem Off kristallisiert sich immer deutlicher die Enkelin der Schriftstellerin heraus. Der Bogen der Geschichte kommt schließlich in der Nachwendezeit an, in der das Haus von einem »Wessi« erworben und abgerissen wird.
Man merkt: Eigentlich hätte es da Stoff für eine mindestens zehnteilige Serie gegeben. Mit einer Laufzeit von nur knapp zwei Stunden hat Schlöndorff dem Drang zur Ausdehnung aber erfolgreich widerstanden. Der Preis dafür ist, dass die einzelnen Figuren nur sehr wenig Raum bekommen, die Komplexität ihrer Rollen wirklich zu entfalten. Bei Eidingers Architekt und Gedecks Schriftstellerin ist das besonders schade, weil beide Figuren auf interessante Weise zwischen persönlichem Ehrgeiz und Opportunismus, zwischen Anpassung an die Nazi-Zeit und Konformismus in der DDR, schwanken. Auch von der jüdischen Familie mit Ulrich Matthes als Patriarch hätte man durchaus gern mehr erfahren.
Dennoch liegt einer der großen Reize von Heimsuchung, sowohl in der Film- als auch in der Buchfassung, gerade in der Flüchtigkeit. Weil die Figuren immer nur für begrenzte Zeit auftreten, kommt das Haus als Konstante, als passiver Zeuge der großen Historie, umso besser zur Geltung. Als idealen Drehort hat Schlöndorff dafür übrigens das Sommerhaus der Einstein-Familie in Caputh bei Potsdam gefunden, das als hervorragendes »Stand-in« für Erpenbecks reales Vorbild am Scharmützelsee funktioniert. Es tröstet, dass – anders als der Film es in der letzten Szene zeigt und das Buch es erzählt – beide Häuser immer noch stehen, das der Einsteins ebenso wie das der Erpenbecks.





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