Kritik zu Good Morning Karachi

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Aus der engen Vorstadt auf die Laufstege der Glamourwelt: Die pakistanische Filmemacherin Sabiha Sumar erzählt die Geschichte eines sozialen Aufstiegs – aber keine überzeugende Emanzipationsgeschichte

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Die schöne Frau auf der Plakatwand gegenüber der kleinen Wohnung, die die junge Rafina mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einem Kleineleute-Viertel von Karachi bewohnt, erregt ihre Fantasie. Mit der Wahl ihrer Protagonistin (Amna Ilyas) – ein in Pakistan bekanntes Model in ihrer ersten Filmrolle – sowie der Art, wie die Kamera deren sehnsuchtsvollen Blick aufnimmt, lässt Sabiha Sumar (Goldener Leopard für Ewig fremd, 2003) von Beginn an keinen Zweifel daran aufkommen, dass Rafinas Träume von einem unabhängigen Leben jenseits der ihr zugedachten Frauenrolle auch in Erfüllung gehen werden. Das tägliche »Good Morning Karachi« eines Radiomoderators erklingt dazu wie ein Aufbruchsignal.

Obwohl das von Islamisten skandierte »Tod den amerikanischen Huren« durchs Viertel hallt, sind die Widerstände gegen Rafinas Wunsch, ihrer zukünftigen Schwiegermutter Rosie (Beo Raana Zafar) in der Kosmetikabteilung einer Modelagentur zu assistieren, leicht zu überwinden. Ihr Verlobter Arif, ein arbeitsloser Anhänger der Oppositionspolitikerin Benazir Bhutto, hat nicht das Format, Rafina aufzuhalten, ihre verwitwete Mutter betrachtet ihre Pläne mit Argwohn, aber auch mit Sympathie. Sabiha Sumar reizt das Cinderella-Thema nicht aus, doch Rafinas Aufstieg hat etwas Märchenhaftes, wenn sie plötzlich in die Liga der Topmodels vorstößt und zum Gesicht einer Werbekampagne für einen Teehersteller wird.

Zahlreiche Appelle zur Überwindung des traditionellen Familienbildes durchziehen Good Morning Karachi und verleihen dem Film bisweilen einen allzu pädagogischen Charakter. Fragwürdig erscheint das Sujet, an dem diese vorgebliche Geschichte einer Emanzipation exemplifiziert wird. Mode und Werbung seien Facetten des Wandels in Pakistan, so rechtfertigt sich die Regisseurin in einem Interview. Doch in ihrem Film ist es die Modewelt einer oberflächlichen, westlich orientierten Elite, die mit den Lebensumständen der Masse der Bevölkerung kaum mehr in Berührung kommt. »Wir sind die Frauenrevolution, auf die dieses Land gewartet hat«, verkündet einer der Werbemanager, ohne dass der Film gegen diesen Satz ernsthaft Einspruch erheben würde. Dazu passt der Slogan für Rafinas Werbekampagne: »Enlightened Innocence«. Der soziale Aufstieg in die Glamourwelt verdankt sich weniger Rafinas Unabhängigkeitsstreben als einer PR-Strategie, die die junge Frau erneut funktionalisiert – als Männerfantasie von der aufgeklärten Unschuld.

Trotz der Tendenz zur Sozialromanze gelingt es Sumar in groben Zügen, ihre Geschichte in einem politischen Kontext Pakistans zu situieren, der, so das Anliegen der Regisseurin, sich nicht in Islamismus und Terrorismus erschöpft. Der Film zeigt eine von extremen Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnete Stadtgesellschaft, in der vor allem Frauen zu Bewahrerinnen traditioneller Lebensformen und zugleich zu Trägerinnen des Wandels werden. Rosie, die diese Ambivalenz verkörpert, hätte eine authentischere Hauptfigur für den Film abgegeben. Des plakativen Denkmals, das Sabiha Sumar ihr am Ende setzt, hätte es dann nicht bedurft.

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