Kritik zu Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague

© Barnsteiner/Mouna

Ihr gemeinsames Vorbild Howard Hawks hätte das wohl eine Liebesgeschichte genannt: Ein Film über Freundschaft und Zerwürfnis zweier Großer des französischen Kinos

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In einem gerade erschienenen Interviewband, an dem er in den letzten Monaten vor seinem Tod mitwirkte, räumt Claude Chabrol mit einigen Legenden auf. »Wir standen uns niemals nahe«, sagt er über seine ehemaligen Weggefährten von der Nouvelle Vague, »auch wenn uns das Schicksal für einen Moment zusammenführte.« Er zieht eine niederschmetternde Bilanz: Nachdem die Welle vorüber war, sah man sich nicht mehr und hörte auf, miteinander zu telefonieren.

Die Entstehung und der geisterhaft rasche Siegeszug der Nouvelle Vague ist eine der heroischen Epochen der Filmgeschichte. Ihr Einfluss ist unschätzbar. Meist wird sie als die Geschichte einer freundschaftlichen Verschwörung erzählt, die sich nicht weniger zum Ziel gesetzt hatte, als das Antlitz des Kinos unwiderruflich zu verändern. Die Fünferbande Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Eric Rohmer und François Truffaut sowie ihre zahlreichen Satelliten brachen schon als Kritiker der »Cahiers du Cinéma« mit dem alten Kino und setzten nun die politique des auteurs in Realpolitik um; in der festen Überzeugung, dass die beste Kritik an einem Film ein eigener sei. Der Dokumentarfilm, den Emmanuel Laurent der Bewegung widmet, trägt der Erkenntnis Rechnung, dass ihre Geschichte sich im Licht der Gegenwart nur noch als eine der Brüche erzählen lässt. Um die Epoche einem zeitgenössischen Publikum zu erschließen, haben er und sein Drehbuchautor Antoine de Baecque sich entschieden, die wechselvolle Beziehung ihrer bekanntesten Protagonisten, Godard und Truffaut, ins Zentrum zu stellen.

Sie führen ihre Biographien parallel und folgen dabei beinahe dem Diktum Godards, ein Film müsse zwar einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben, aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Vom ersten Anbranden der Neuen Welle mit »Sie küssten und sie schlugen ihn« und »Ausser Atem« gehen sie stufenweise zurück in die Vergangenheit: von den ersten Kurzfilmen zur Arbeit bei den »Cahiers «, sodann zur ersten Begegnung in der Filmclubbewegung der Nachkriegszeit und schließlich zu ihrer Herkunft aus gegensätzlichen Milieus. Spätestens im Mai 1968 entfremdeten sie sich; nach dem endgültigen Bruch 1973 blieb ihr bevorzugter Hauptdarsteller Jean-Pierre Léaud gleichsam als Scheidungskind zurück, und das französische Kino, wie de Baecques Kommentar es mit Pathos formuliert, verlor sein Rückgrat.

Der Film verzichtet auf aktuelle Interviews mit Zeitzeugen, stützt sich vielmehr auf Archivmaterial und Filmausschnitte, versucht aber dennoch, die Brücke zu einer cinéphilen Gegenwart zu schlagen. So schaut man etwas ratlos zu, wie die Schauspielerin Isild Le Besco simulieren muss, sie würde neugierig in alten Zeitschriften blättern und ärgert sich über den Narzissmus von de Baecque, der sich beim Schreiben des Kommentars filmen lässt. Truffaut und Godard wollten die »falschen Legenden « des französischen Nachkriegskinos entlarven und entwickelten ihrerseits großes Talent zur Legendenbildung. Laurents Film schreibt sie fort.

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