Kritik zu Giulia geht abends nie aus

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2009
Original-Titel: 
Giulia Non Esce La Sera
Filmstart in Deutschland: 
01.09.2011
L: 
105 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Giuseppe Piccioni ist ein sanfter Melodramatiker. Auch sein neuer Film handelt von der unverhofften Begegnung zweier Menschen aus unterschiedlichen Sphären, die sie verwandeln könnte

Bewertung: 3
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Sie hat schwerwiegende Gründe, es nicht zu tun. Das ist schon seit langen Jahren so und wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Es fällt ohnehin schwer, sich Giulia anderswo vorzustellen als in dem Hallenbad, in dem sie tagsüber arbeitet. Dort ist sie in ihrem Element. Das Leben verläuft dort in festen Bahnen, sie muss nichts von sich preisgeben und kann stille Buße leisten. Weshalb sie sich abends nie verabredet, enthüllt der Film erst spät. Danach ist es kein Geheimnis mehr. Dennoch muss es an dieser Stelle nicht verraten werden.

Dass sie so geheimnisvoll ist, verdankt sich auch der Erzählperspektive, die Giuseppe Piccioni und seine Koautorin Federica Pontremoli gewählt haben. Es ist der Blickwinkel des Schriftstellers Guido, aus dem sie Giulias Geschichte erzählen, die zunächst seiner Tochter und dann ihm Schwimmunterricht erteilt. Guidos Romane und Kurzgeschichten handeln, wie Piccionis Filme, von der Begegnung unterschiedlicher Sphären und der Sehnsucht, sich durch sie verwandeln zu können. Sie sind leidlich erfolgreich, nicht einmal seine Verlegerin liest sie mit nennenswertem Interesse. Es sind die Bücher eines Menschen, der eine mittlere, kleinmütige Existenz führt. Seiner liebenswert schlauen Tochter ist er ein aufmerksamer Vater, seine liebenswert traurige Frau leidet darunter, dass sie ihren Mann nicht inspiriert. Wenn Guido nachts allein ist, statten ihm manchmal seine Figuren einen Besuch ab. »Männer im Schatten« soll seine neue Geschichtensammlung heißen. Guido ist keiner, der die Herausforderungen des Lebens tatkräftig in Angriff nimmt, sondern als Beobachter und Reagierender. Sympathisch, dass er den Erfolg nicht so zu suchen weiß wie sein gefallsüchtig charmanter Kollege, mit dem er um einen wichtigen Literaturpreis konkurriert.

Das Zögern, das für seine Ehe fatal sein könnte, erweist sich als Vorzug, nachdem er Giulia näherkommt. Sie ist von verführerischer Wehmut, aber keine Projektion. Sie schürt keine Retterfantasien. Dafür trägt Valeria Golino Sorge, die Giulia als eine Frau spielt, die für sich keine Entschuldigungen suchen muss. Abweisend und spöttisch ist sie anfangs; es gefällt ihm, wie vulgär sie sein kann. Zwischen ihnen bahnt sich eine jener noblen, außerehelichen Affären an, für die das Kino seit jeher großes Verständnis hat. Die Liebenden tun einander gut. Ihre Zärtlichkeiten sind nicht fordernd, sie erweisen sich den Respekt, nicht vorschnell Besitz ergreifen zu wollen.

Piccionis Filmen, etwa Nicht von dieser Welt und La vita che vorrei, eignet stets ein Flair von Konfektion, von elegischer Glätte. Sie verraten großen, mitunter überschüssigen melodramatischen Elan und finden zugleich die richtige Bildsprache, um diesen zu besänftigen. Er ist ein vertrauenswürdiger Treuhänder für das Gefühl des Ungenügens, das seine Charaktere umtreibt. Er hat Geduld mit denen, die ernsthaft suchen. Irgendwann erreicht der Film einmal den Punkt, an dem der Zuschauer darauf brennt, dass er die männliche Perspektive aufgibt und Giulia ihre eigene Stimme erhält. Beinahe hätte Piccioni ihn verpasst.

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