Kritik zu Girls Don't Cry

© Farbfilm Verleih

Sigrid Klausmann stellt in ihrem Dokumentarfilm sechs Mädchen aus der ganzen Welt vor, die von einem selbstbestimmten Leben träumen – und dafür kämpfen.

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Der Breitwandblick zeigt malerisch verstreute Dörfer in einer von zwei markanten Vulkanen gesäumten sanft abfallenden Landschaft im Norden von Tansania. Eine Stimme erzählt im Legendenton von der Entstehung einer alten Tradition: wie die Männer die Verstümmelung der weiblichen Klitoris erfanden, um sich die sexuelle Abstinenz ihrer Ehefrauen zu erzwingen. Bald darauf ist Erzählerin Nancy im Bild zu sehen, die – selbst von der grausamen Praxis betroffen – von zu Hause floh, als ihre verwitwete Mutter sie aus wirtschaftlicher Not erst beschneiden und dann verheiraten wollte. Nun lebt Nancy mit anderen Mädchen in ähnlicher Situation in einem Schutzhaus einer tansanischen NGO.

Vor zehn Jahren hatte Sigrid Klausmann in ihrem Dokumentarfilm »Nicht ohne uns!» Kinder mit ihren unterschiedlichsten – und oft abenteuerlichen – Schulwegen vorgestellt. Nun zeigt sie gemeinsam mit Co-Regisseurin Lina Lužytė in ähnlich kaleidoskopischer Manier sechs selbstbewusste Mädchen aus aller Welt, die an der Schwelle zum Erwachsenenleben mit ganz unterschiedlichen herausfordernden ­Lebenssituationen umgehen.

Sinai widersetzt sich in Südkorea den extremen Schönheitsnormen der dortigen Kultur und trainiert mit professioneller Entschlossenheit Stunts für eine BMX-Rad-Meisterschaft. Für Paige im englischen Coventry dagegen, die sich bei einer ungewollten Schwangerschaft für das Mutter-Sein entschieden hat, gehören auch exzessives Wimpern- und Nagelstyling zur Identität. In Santiago de Chile erzählt Selenna, dass sie als biologischer Junge schon immer eigentlich »wie die Mutter« sein wollte, die sie auch beim Transitionsprozess zur Transfrau unterstützt. Nina ist serbische Romni und wurde mit ihrer Familie unerwartet eines Nachts aus Stuttgart nach Serbien in die Fremde abgeschoben. Dem auch dort herrschenden antiziganistischen Rassismus trotzt sie mit Stolz, will aber auch die patriarchalen Machtverhältnisse ihrer Community umkrempeln. Sheelan hat nach IS-Gefangenschaft und dem Verlust vieler Menschen ihrer jesidischen Familie in Tübingen Zuflucht gefunden und versucht gerade, aus der Trauer wieder zu einem Leben in Zuversicht zu finden. Doch die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung macht diese Zukunft unsicher.

Der Film erzählt diese Geschichten durch sehr offene Berichte der einzelnen Mädchen im On und Off und oft impressionistisch kurze Alltagsszenen, wobei männliche Nebenfiguren im Verlauf des Films erst nach und nach auftauchen. Die einzelnen Erzählstränge sind in der Montage motivisch vielfach miteinander verwoben – mit kämpferischen Ansagen zum Ende und kleinen Cliffhangern für das angepeilte junge Zielpublikum mit kürzerer Aufmerksamkeitsspanne. Dieser Gruppe angepasst ist (bei der für die Besprechung gesichteten Fassung) auch ein durchgängiges Voice­over der Stimmen statt Untertitelung. Eine insgesamt verständliche Entscheidung, die die erstrebte Authentizität aber deutlich reduziert.

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