Kritik zu Einzelkämpfer

© Farbfilm

2013
Original-Titel: 
Einzelkämpfer
Filmstart in Deutschland: 
10.10.2013
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Sandra Kaudelka erzählt vier Karrieren aus dem DDR-Leistungssport, Marita Koch und Udo Beyer sind dabei, und alle haben einen sehr eigenen Weg genommen

Bewertung: 3
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Bei der niemals endenden Wiederaufbereitung der DDR in Einzelgeschichten, an denen man sich heute wärmen kann, ist Sandra Kaudelka mit ihrem Dokumentarfilm Einzelkämpfer zum Leistungssport vorgestoßen. Nicht als Erste: Marcus Welsch hatte 2005 in Katharina Bullin – Und ich dachte, ich wär’ die Grösste mit filmisch limitierten Mitteln, aber heißem Herzen von den Folgen des Goldmedaillen-gewinnen-Müssens am Beispiel einer Volleyballerin erzählt. Und 2008 entwarfen Sandra Prechtel und Sascha Hilpert das Radfahrerleben des Sportsfreund Lötzsch als Tragödie.

Kaudelkas Film könnte gut als offizielle Version der DDR-Sportgeschichte auf ewig in Schulklassen und Goethe-Instituten reüssieren. Was für ein Cast! Kugelstoßer Udo Beyer und Mittelstreckensprinterin Marita Koch wurden Olympiasieger, wobei Koch noch immer den Weltrekord über die 400 Meter hält. Mit der einstigen Sprinterin Ines Geipel steht die heute exponierteste Antagonistin des DDR-Sportsystems bereit. Dagegen fällt Brita Baldus in Sachen Prominenz etwas ab; die Wasserspringerin war »lediglich« Europameisterin. Ihre Wahl erklärt sich durch die Biografie der Filmemacherin.

Denn Kaudelka, 1977 geboren, wurde selbst vom flächendeckenden Scouting in der DDR entdeckt, sie sollte wie Baldus Wasserspringerin werden, ehe das Jahr 1989 ihr einen Ausweg aus der ungeliebten Förderung ermöglichte. Dass dieser persönliche Zugang im Film vorkommt, wirkt ein wenig, als klebe die Bedienungsanleitung für die Motivation noch am fertigen Bild. Und ist wohl nur zu erklären durch die Vorstellung, dass Zuschauer Filme besser verkraften, in denen die Autorin ihren Stoff selbst erlebt hat.

Künstlerisch ist diese Form nicht zu rechtfertigen: Die persönliche fügt den vier interessanten Geschichten nichts hinzu. Die Bewunderung für Beyer oder Koch vermittelt schon das Archivmaterial; selbst wer Koch nicht kennt, kann beeindruckt sein von ihrem Weltrekordlauf (geschickterweise mit englischem Kommentar). Und für die Kritik sorgt Geipel, die nicht nur Doping meint, sondern das ganze erbarmungslos elitäre System.

Vermutlich dient die persönliche Perspektive Kaudelkas auch dazu, einen Zusammenhang zu behaupten, den es nicht gibt. Alle vier haben auf je eigene Weise mit den Härten und Privilegien umzugehen gelernt: Beyer offen diszipliniert, die lächelnde Koch geheimnisvoll-dezent, Geipel intellektuell-illusionslos, Baldus tapfer-religiös. So changiert Einzelkämpfer permanent zwischen einem »Was macht eigentlich Marita Koch?« und versuchten Generalerklärungen.

Und lässt dabei den wichtigsten Aspekt des Stoffs liegen: Je länger die DDR her ist, desto näher kommt sie der Gegenwart. Nicht erst die kürzlich geführte Debatte über Doping in der BRD hätte den Film anschlussfähig machen können ans Heute. Wenn Beyer sagt, der Leistungssport sei »Kapitalismus im Sozialismus« gewesen, dann hätten sich im zeitlichen Abstand zu damals Fragen verhandeln lassen, die sich noch immer stellen: nach Optimierung, Medikamentierung, Zwang. Der Film würde dann vielleicht weniger wärmen als mit seinem »Es war einmal«.

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