Kritik zu Ein Sommer in Paris
Die Olympischen Sommerspiele in Paris 2024 bilden den atmosphärischen Hintergrund dieser kleinen Tragikomödie, in der eine junge Frau aus der Provinz in die Metropole reist, um die Schwimmwettbewerbe und auch ihre Halbschwester zu besuchen
Sommerlich gekleidete Menschen strömen über die Seinebrücken und durch die Straßen, voll froher Erwartung. Der Anblick so vieler gut gelaunter Touristen, die zu Beginn der Olympischen Spiele durch Paris flanieren, ist fast anregender als die Spiele selbst. Wie im ebenfalls neu anlaufenden Film »Sounds of Paris« dienen dokumentarische Aufnahmen des Trubels als atmosphärische Hintergrundkulisse für das Großstadtabenteuer einer jungen Frau. Auch die dreißigjährige Blandine ist wegen der Spiele nach Paris gekommen. Sie will die Schwimmwettbewerbe besuchen und außerdem ihre Halbschwester Julie, die sie seit zehn Jahren nicht gesehen hat. Julie, bei der Blandine nach einem Problem mit ihrer Jugendherberge auf der Couch schlafen muss, zeigt sich erfreut. Wegen der gerade vollzogenen Trennung von ihrem Mann Paul ist sie allerdings ziemlich gestresst. Überhaupt klappt nichts wie geplant. Doch Blandine wandert, mit ihrem riesigen Rucksack auf dem Rücken, unbeirrt wie eine Ameise durch die Straßen. In Julies kleiner Tochter Alma findet sie eine Seelenverwandte.
Valentine Cadic, Schauspielerin und Regisseurin, zeigt mit ihrer durch die Metropole mäandernden Heldin vorwiegend Bezirke jenseits des aufgeputzten Zentrums: Hochhäuser im 19. Arrondissement, Straßen voller arabischer Läden, gesichtslose Plätze; ungestutzte Parks und bukolisch verwilderte Seine-Ufer, die Atempausen vom urbanen Getriebe bieten. Olympischer Glamour ist zwar via Public Viewing und einem unverhofften nächtlichen Besuch in der riesigen Schwimmhalle zu erhaschen, ihren Schwarm, die Schwimmerin Béryl Gastaldello, kann Blandine aber nur auf dem Smartphone bewundern. Mit Protestaktionen gegen die Vertreibung von Obdachlosen kommt auch die politische Spannung jener Olympiatage ins Spiel.
Sichtlich will der Film ein Kontrapunkt zum touristischen Mega-Event sein. Vorrangig aber ist er das Porträt einer Außenseiterin, die trotz ihrer Einsamkeit eine stille Gelassenheit ausstrahlt. Blandine, die, wie man in Andeutungen erfährt, eine Trennung hinter sich hat, sehnt sich nach Nähe. Doch sie mag keine aufgeregten Menschen und beobachtet das Getümmel letztlich lieber vom Rand. Fast scheint es, als habe Cadic in ihrem Langfilmdebüt ihr Drehbuch nach dem Spiel von Blandine Madec, einer Schauspielerin und Improvisationskünstlerin, ausgerichtet und nicht umgekehrt. Wenn die aus der Normandie angereiste Blandine mit ihrem rosigen Gesicht und der rundlichen Figur im Metro-Labyrinth herumirrt, bedient sie anfangs das Klischee eines naiven Landeis. Doch wenn sie Pariser Ruppigkeiten mit stoischer Freundlichkeit kontert und mit einem plötzlichen Redeschwall einem barschen Polizisten den Wind aus den Segeln nimmt, entwickelt sie aus dem Nichts einen eigenen, ungewöhnlichen Charme.
Die ebenso flüchtigen wie warmherzigen Begegnungen, von denen diese dreitägige Chronik getaktet ist, erinnern an die Sommerfilme von Eric Rohmer – und die unerwartete, oft burleske Dynamik von Blandines Odyssee, ihre heitere Melancholie an Jacques Tati. Von dieser Schauspielerin will man definitiv mehr sehen.




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