Kritik zu Ein Kuchen für den Präsidenten
Eine Schülerin muss die Zutaten für einen Kuchen auftreiben, den sie zum Geburtstag des Präsidenten backen soll. Ein Film über Mangel, Zwang und Menschlichkeit im Irak unter Saddam Hussein.
April 1991, wenige Tage vor Saddam Husseins Geburtstag. In der Schule ist »Los-Tag«. Der Klassenlehrer verteilt Pflichten für die Feier: Dekoration, Obst, Putzen – und als Hauptpreis den Kuchen. Lamia (Baneen Ahmad Nayyef), neun Jahre alt, trifft die »Ehre«. Im Befehlston des Lehrers schwingt die Drohung gleich mit: Wer nicht gehorcht, wird gemeldet. Lamia lebt im Sumpfgebiet bei ihrer Großmutter Bibi (Waheed Thabet Khreibat), einer erschöpften, zuckerkranken Frau. Hindi, der stolze Hahn, ist Lamias treuer Begleiter und Talisman. Geld haben sie kaum, es fehlt am Notwendigsten. Die Zutatenliste wird so zum Wunschzettel: Mehl, Zucker, Eier, Backpulver. Im Sanktions-Irak sind das Luxuswaren.
Bibi nimmt Lamia mit in die Stadt, erst mit dem Boot, dann zu Fuß, schließlich im Wagen eines redseligen Postboten (Rahim AlHaj). Doch Lamia begreift unterwegs bald, dass der Ausflug auch eine andere Absicht hat, die ihre Großmutter verschweigt, und rennt davon. Mit dem Klassenkameraden Saeed (Sajad Mohamad Qasem), der Obst besorgen soll, beginnt eine Odyssee durch Souks, Hinterhöfe, Amtsstuben und Versuchungen: handeln, betteln, stehlen, verlieren, weitermachen. Währenddessen geht die verzweifelte Bibi zur Polizei und prallt an Gleichgültigkeit und Standesdünkel ab.
Hasan Hadi erzählt in seinem Regiedebüt »Ein Kuchen für den Präsidenten« diese Jagd nach Zutaten als Kindermission in losen Episoden und entfaltet dabei ein Panorama von Knappheit, Angst und alltäglicher Erniedrigung. Die Stadt ist belebt, staubig, laut. Überall grinst Saddams Porträt von Mauern, Plakaten, Schaufenstern. »Die Wände haben Ohren«, heißt es einmal. Mittendrin Lamia, ein Kind, das einen Auftrag erledigt, weil es gelernt hat, dass Aufträge Leben schützen können. Saeed bildet das Gegenstück: frecher, pragmatischer. Zwischen beiden wächst eine rumpelige Solidarität, die sich in kleinen Spielen wie einem Blickduell entlädt. Herausragend ist Baneen Ahmad Nayyef, die Lamia mit einer Wachheit spielt, die ständig nach dem nächsten Schritt sucht, nach dem kleinsten Vorteil, nach einer Ecke zum Durchatmen. Auch für die anderen Rollen arbeitet Hadi fast ausschließlich mit Laien und nutzt deren ungeschliffenes Spiel als Wahrheitsmoment.
Der rumänische Kameramann Tudor Vladmimir Panduru taucht die Bilder in warmes, körniges Licht, das die Sumpflandschaft poetisch auflädt und die Stadt als wimmelnde Falle zeigt. Hadi beobachtet, wie Korruption und Begehren an den Rändern jeder Begegnung kleben: Erwachsene versprechen, nehmen, täuschen. Der Film bleibt konsequent auf Augenhöhe seiner Kinderfiguren und lässt den Schrecken gerade dadurch einsickern, dass er ihn als Normalität zeigt. Dabei gelingt ihm immer wieder eine bemerkenswerte Balance aus dramatischen und komischen Tonlagen.
»Ein Kuchen für den Präsidenten« feierte im Mai Premiere in der Quinzaine des Cinéastes in Cannes und wurde dort mit dem Publikumspreis sowie der Caméra d’Or als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet – als erste irakische Produktion überhaupt, die in Cannes lief. Kurz darauf wurde er als Beitrag Iraks für den Auslandsoscar ausgewählt. Für den 1984 geborenen Hadi ist der Film ein persönliches Erinnerungsprojekt: Er wuchs im Süden des Iraks auf, in jener Zeit der Sanktionen, und erlebte selbst die ritualisierten Schulfeiern für Saddam Hussein. Heute lebt er in New York, arbeitete als Journalist und lehrte an der NYU Tisch School of the Arts. Das Drehbuch entwickelte er gemeinsam mit Eric Roth, dessen Handschrift die klare, episodische Struktur dieser kindlichen Odyssee prägt.
Am Ende steht ein bitterer Kontrast zwischen der privaten Anstrengung, irgendwo Eier aufzutreiben, und der öffentlichen Inszenierung eines Regimes, das Kuchen verlangt und mit Strafen droht. Ein Film über Loyalität als Zwang, über Mangel als Erziehungsmittel und eine Kindheit, die sich in Pflichten aufreibt. Und über Momente von Menschlichkeit, die trotzdem möglich sind: ein kurzer Tanz in einem Café oder der Hahn als Talisman, ein Stück kindlicher Würde, das sich Lamia nicht nehmen lässt.




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